„Trauerarbeit ist Knochenarbeit“: Kasseler Komik-Kolloquium im Museum für Sepulkralkultur

Führte „Zwiegespräche mit Gott“: Autor Ahne alias Arne Seidel im Museum für Sepulkralkultur. Foto: Fritsch

Kassel. Nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar 2015 ist viel über die Hervorbringungen von Satirikern diskutiert worden.  In dem Band „Ist das jetzt Satire oder was?“ haben die Herausgeber-Autoren Heiko Werning und Volker Surmann nun eine „Bestandsaufnahme zur humoristischen Lage der Nation“ versucht. Am Donnerstag machten sie damit in Kassel Halt - mit Erfolg, wie sich zeigte.

Allerdings war die Bestandsaufnahme keine wissenschaftliche, sondern eine satirische, die Heiko Werning zusammen mit vier weiteren Autoren am Donnerstag beim Komik-Kolloquium in der „Trauerhauptstadt Kassel“, genauer: im Museum für Sepulkralkultur, vorstellten.

Eine Veranstaltung, die bei den etwa 60 Besuchern Schluckauf auslösen konnte, denn in das Lachen mischte sich zuweilen auch Entsetzen. Ja, es drohte im Halse stecken zu bleiben, als eine Reihe ebenso komischer wie gewaltgesättigter Leserkommentare zu einem taz-Artikel Wernings vorgetragen wurde, einem satirischen Plädoyer für das Abschießen streunender Katzen.

Gut, dass es da göttlichen Beistand gab – durch die „Zwiegespräche mit Gott“, die der Autor Ahne (Arne Seidel) vortrug und dabei den Part des abwesenden Gottes gleich mit übernahm. Da wurde geklärt, warum die Deutschen so vorbildlich und doch so unbeliebt sind – es ist das Humordefizit.

Titanic-Chefredakteur Tim Wolff spiegelte die penetranten Fragen nach den Grenzen von Satire nach den Pariser Anschlägen und führte vor, wie die Titanic damit umging, etwa mit einem Wusel-Titelbild „Wo ist Mohammed?“

Christian Bartels, unter anderem Autor der „Wahrheit-Seite“ der taz, berichtete von einem Selbstversuch mit einer Männer-Burka, der unter anderem deshalb scheiterte, weil das Ganze für ein Projekt des Verhüllungskünstlers Christo gehalten wurde.

Ganz nah an der Gegenwart bewegte sich die Autorin Ella Carina Werner mit (fiktiven) Reportagen. Fast konnte man die Geschichte für wahr halten, wie ein Flüchtling von wohlmeinenden Kulturschaffenden bis zum Burn-out mit immer neuen Projekten drangsaliert wird. Einen feinen Unterton enthielt auch ihre Story über einen Klageweiber-Service: „Trauerarbeit ist Knochenarbeit.“

Das gilt auch für Satire, wie die Lesebühne zeigte. Schön, wenn einem dann beim Lachen auch noch ein Licht aufgeht. So gesehen, war es ein erhellender Abend.

Heiko Werning, Volker Surmann (Hrsg.): Ist das jetzt Satire oder was? Satyr-Verlag, 192 S., 13,90 Euro.

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