Bad Hersfelder Festspiele: Jubel für Musical „Anatevka“

Zu Hause beim Milchhändler: Michael Schanze (als Tevje, von links), Milica Jovanovic (als Hodel), Lea Isabel Schaaf (als Chava) und Rolf Sommer (als Mottel, hinten). Foto: Iko Freese/ Drama-Berlin

Bad Hersfeld. Tradition ist ein Koffer, der einen stets begleitet. In heutiger Kleidung betreten die Darsteller im Musical „Anatevka“ in der Bad Hersfelder Stiftsruine die Bühne, klappen ihre Köfferchen aus, entnehmen die weißen Hemden, grauen Schürzen, jüdischen Gebetstücher und kleiden sich um.

Hier entsteht das jüdisch-ukrainische Dorf, nach dem das Musical von Joseph Stein, Jerry Bock und Sheldon Harnick benannt ist.

Das Podest in der Bühnenmitte, das anfangs vollgerümpelt steht mit Möbeln, wird entpackt. Hier kommt eine Küche zum Vorschein, dort die Schneiderei, der Bahnsteig, die Gastwirtschaft (Bühne: Stephan Prattes, Kostüme: Susanne Hubrich). Tradition kann jederzeit aufblühen.

„Tradition“ heißt auch das erste Ensemblelied des Abends. Und schon hier werden die große Harmonie, die sängerische Qualität und die Einfühlsamkeit des Orchesters unter Kai Tietje deutlich, die den überzeugenden Abend prägen.

Ebenso wie Fernsehstar Michael Schanze, der ein herzergreifender Milchmann Tevje ist. Tevje möchte seine Töchter Zeitel (Franziska Lessing), Hodel (Milica Jovanovic) und Chava (Lea Isabel Schaaf) verheiraten, doch die richten sich nicht nach den Plänen des Herrn Papa, sondern – welch modernes Wort im Zarenreich – nach der Liebe.

Tevje rückt seine Schiebermütze zurecht, lehnt sich auf den Wagen und träumt vom kleinen Glück: „Wenn ich einmal reich wär’“. Und Michael Schanze spielt und singt diesen Milchmann liebevoll, anrührend und ein wenig schüchtern. Wenn er die Zwiesprache mit Gott sucht - was Tevje ziemlich häufig tut, man muss dem obersten Chef ja auch mal eine Rückmeldung geben -, kann er auch mal schmollen. Eine wunderbare Rollenbesetzung - ganz ohne Allüren.

Regisseur Stefan Huber erzählt Dorfgeschichten von Lebensfreude, Hoffnung und später vom Verlust der Heimat komplett kitschfrei, dabei trotzdem emotional und mit präzise gestalteten Stimmungswechseln. Ausgelassene Ensembleszenen mit Tanz (Hochzeit, Trinklied) und Klamauk wechseln mit Besinnlichkeit, wenn die Familie die Sabbatkerzen anzündet oder wenn Tevje und seine Golde (Marianne Larsen) nach 25 Zweck-Ehejahren, von den gefährlichen Gefühlen der jungen Generation angesteckt, einander ihre Zuneigung gestehen („Ist es Liebe“).

Neben den drei Schwestern überzeugen auch deren drei Verehrer, Rolf Sommer als Schneider Mottel mit Slapsticktalent, zupackend und charismatisch Rasmus Borkowski als Anarchist Perchik und Jannik Harneit mit jugendlichem Charme als Fedja.

Kai Tietje lässt die folkloristisch geprägten Klänge mit Schmackes musizieren, es gibt eine Klezmer-Klarinette und den berühmten Fiedler auf dem Dach, die beide auch auf der Bühne zu sehen sind. Das Orchester bringt aber auch die melancholischen Elemente der Musik zum Leuchten.

Wegen unwetterartiger Regenfälle musste die Premiere am Dienstagabend für eine knappe halbe Stunde unterbrochen werden, das Publikum klatschte unterstützend und spendete am Ende donnernden Applaus, für Michael Schanze gab es Bravos.

Wieder Donnerstag, Freitag, Samstag, 28., 29., 30.6. Karten: 06621-400755.

Von Bettina Fraschke

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