Theatertage: Die Darmstädter Inszenierung von Arthur Millers „Alle meine Söhne“

Der Traum stürzt ab

Sie spielen keine glückliche Familie: Tom Wild (von links) und Heinz Kloss als Sohn und Vater sowie Margit Schulte-Tigges (rechts) und Christina Kühnreich als Mutter und Schwiegertochter in spe. Foto: Aumüller/nh

Kassel. Aus orthopädischer Sicht ist dieses Bühnenbild von Anna-Sophia Blersch eine Zumutung. Für Martin Ratzingers Inszenierung von Arthur Millers Drama „Alle meine Söhne“ hat sie eine riesige ovale Fototapete von einer Wüstenlandschaft in Nevada auf die Bühne gestellt. Jedes Mal, wenn die neun Schauspieler die Bühne betreten oder verlassen, müssen sie sich bücken und unter der Wand hindurchschreiten. Schon vom Zusehen bekommt man einen Hexenschuss.

Es sollte wie ein Boxring sein, sagten Ratzinger und Blersch vom Staatstheater Darmstadt, nachdem sie Millers 64 Jahre altes Ensemblestück bei den Hessischen Theatertagen auf die Bühne des Kasseler Schauspielhauses gebracht hatten. Insofern ist es passend. Denn hier wird verbal ordentlich draufgehauen.

Wie immer geht es bei Miller um Gut und Böse. Das Böse ist hier der Fabrikbesitzer Joe Keller (Heinz Kloss), der fehlerhafte Flugzeugteile an die Luftwaffe lieferte. 21 Soldaten starben, und während sein Geschäftspartner ohne Schuld in das Gefängnis wanderte, lebt er mit seiner Familie den Amerikanischen Traum. Der endet, als sein Sohn sich in die Tochter seines inhaftierten Kollegen verliebt.

Das Stück über den Verfall einer Familie ist lange zäh und endet furios mit einem Schuss und der ultimativen Aufforderung: „Lebe!“ Den größten Applaus erntet völlig zu Recht Margit Schulte-Tigges, die als Kate Keller erst am Verlust ihres im Krieg verschollenen Sohnes zu zerbrechen droht, dann aber alles zusammenhält, was noch zusammenzuhalten ist.

Die kleine Frau, die in den 70ern Ensemblemitglied in Kassel war, zieht sich zwar keinen Hexenschuss zu, aber einmal stößt sie sich beim Auf-die-Bühne-gehen tatsächlich ganz blöd den Kopf.

Von Matthias Lohr

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