Interview: Der Hollywood-Film „Verblendung“ bildet den Höhepunkt der aktuellen Schwedenkrimi-Mode

Schwedenkrimis: Der Trend zum Nord-Mord

+
Ihr kann auf dem Computer keiner etwas vormachen: Rooney Mara spielt im neuen „Verblendung“-Film die Hackerin Lisbeth Salander.

Ganz Schweden ist eine Mördergrube. So stellt es sich für Krimileser dar, denn skandinavische Krimis stehen hoch im Kurs. Höhepunkt des Trends zum Nord-Mord ist die am Donnerstag anlaufende Verfilmung von Stieg Larssons „Verblendung“ mit Daniel Craig.

Hollywood bringt den Hype nun zum Höhepunkt - nach einem früheren Film aus Schweden. Wir sprachen mit Schwedenkrimi-Expertin Alexandra Hagenguth.

Warum finden wir skandinavische Krimis so spannend?

Hagenguth: Der Trend begann vor 20 Jahren mit Henning Mankell. Seine Bücher trafen einen Nerv, als in Europa Grenzen geöffnet wurden und viele Migranten kamen. Er traute sich, dies zum Thema zu machen und Ängste auszusprechen. Er war anerkannter Autor - das half bei Leuten, die Krimis als trivial abtaten. Er hat das Genre salonfähig gemacht, ohne Krimifans zu verprellen.

Wie begeistert Stieg Larsson seine Millionen Fans?

Hagenguth: Er überschreitet immer mehr die Grenzen des Genres. Der erste Band spielt auf einer abgeschiedenen Insel, wo ein Mord passiert. Da haben wir das Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip des klassischen Krimis - wie bei Agatha Christie. Später kommen Verschwörungs- und Thrillerelemente dazu. Außerdem interessieren seine Biografie als Journalist und sein früher Tod.

Auch in seinen Romanen arbeitet Larsson sehr politisch.

Hagenguth: Ja, im ersten Band geht es um Gewalt gegen Frauen. Aktuelles Thema.

Davon betroffen ist auch die Protagonistin, Computerhackerin Lisbeth Salander.

Hagenguth: Eine faszinierende Person, die ein Geheimnis umgibt. Man will unbedingt wissen, was ihr zugestoßen ist. Larsson inszeniert das geschickt, indem er ihre Geschichte Stück für Stück enthüllt. Mit Abstand betrachtet, ist diese Frau natürlich überirdisch. Es ist haarsträubend, was sie alles kann, selbst als sie im Krankenhaus liegt.

Und Mikael Blomkvist?

Hagenguth: Das ist eine gebrochene Persönlichkeit, ein guter Journalist, der beim Ermitteln aber hinter Lisbeth zurückbleibt. Ähnlich wie Mankells Ermittler Kurt Wallander kommt er sehr menschlich rüber. Blomkvist fühlt sich hilflos in einer Welt, in der viel auf uns einprasselt, all dies Gefacebooke, Getwittere. Er fühlt sich verloren in dieser Welt, das kennen wir. Und er versucht, in unmoralischer Zeit moralisch zu sein.

Jetzt hat nach den Schweden Hollywood den Stoff verfilmt. Was ist der Vorzug eines Films gegenüber dem Buch?

Hagenguth: Ich fand Noomi Rapace als Lisbeth fantastisch, mal sehen, wie die neue Darstellerin das macht. Was Skandinavier können, ist, die düstere Stimmung der Vorlage einzufangen. Ein Vorteil eines Films ist generell die bessere Orientierung, wenn in der Handlung, wie hier, viele Menschen und Orte vorkommen.

Wieso werden skandinavische Krimis immer grausamer?

Hagenguth: Es gibt heute so viele Autoren in dem Sektor, jeder will die anderen toppen. Wirklich vom Hocker gerissen hat mich aber lang kein neuer Roman.

Warum ist bei uns die Nordland-Sehnsucht so verbreitet?

Hagenguth: Es gibt den Fachbegriff vom Bullerbü-Syndrom nach Astrid Lindgrens Kinderbuch-Örtchen. Das besagt, wir Deutschen können auf Schweden besonders gut Heimatgefühle projizieren. Die Natur, vor allem in Südschweden, ist ganz ähnlich. Es gibt zudem das Idealbild einer intakten Gesellschaft. Wir lieben diese Bullerbü-Welt, weil unser eigener Heimatbegriff immer noch von den Nazis besetzt ist. Dann passieren ausgerechnet hier Morde - das Idyll wird angekratzt.

Zur Person

Alexandra Hagenguth (39, verheiratet, ein Sohn) aus Oberhausen ist Skandinavistin, PR-Expertin und arbeitet als Ressortleiterin für das umfangreiche Webportal www.schwedenkrimi.de

Worum geht's?

„Verblendung“ ist der erste Teil der Millennium-Trilogie des schwedischen Autors Stieg Larsson. Mikael Blomkvist (Daniel Craig) ist darin ein Journalist, der für den Industriellen Vanger herausfinden soll, was hinter dem Verschwinden von dessen Nichte Harriet steckt - er vermutet, dass sie von einem Familienmitglied ermordet wurde. Gemeinsam mit der Computerexpertin Lisbeth Salander (Rooney Mara) stößt er auf eine Mordserie. In den folgenden Bänden „Verdammnis“ und „Vergebung“ wird eine gigantische Verschwörung aufgedeckt, in der Lisbeth eine Schlüsselrolle spielt. Von der Thrillerreihe wurden in 48 Ländern 62 Millionen Exemplare verkauft. Autor und Journalist Stieg Larsson starb 2004 50-jährig an den Folgen eines Infarkts.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.