Martin Schulze inszeniert Dea Lohers „Unschuld“ am Kasseler Schauspielhaus - Begeisterter Beifall

Trödelmarkt der Ich-Entwürfe

Mit welchem Ich können wir in die Welt treten? Marie-Claire Ludwig (als Helmut, links) und Jürgen Wink (als Philosophin Ella) mit Ensemble in der gefluteten Bühne, die von Kleider-Wänden begrenzt ist. Foto:  Ketz

Kassel. Wenn sich die rothaarige Frau im Meer ertränkt, wird sie im Kasseler Schauspielhaus von einer Wand von Kleidern verschluckt. Meterhoch hängen Pullover und Hosen, Jacken und Hemden an drei Bühnenwänden. Ein Trödelmarkt der Ich-Entwürfe. Die Rückwand ist fahrbar, sie kann über die Figuren in Dea Lohers Stück „Unschuld“ hinweggleiten, kann ein Ich verschlingen oder hervorbringen (Bühne: Daniel Roskamp). Der Boden ist knöchelhoch mit Wasser gefüllt. Mal gleißend-glatt, mal trüb-verschlingend, mal glitzernde Wellen werfend.

Martin Schulze stellt die Ich-Suche ins Zentrum seiner Inszenierung, die am Samstagabend begeistert beklatscht wurde. Die Alltagsmenschen mit ihren wiedererkennbaren Sorgen behalten etwas Abstraktes. In ihren Monologen sprechen sie Grundsätzliches, das größer ist als sie selbst. Dafür ist der spektakuläre Bühnenraum dann gerade groß genug. Dea Lohers literarische Sprache braucht Raum.

Den mit Licht (Johannes Richter) und elektronischer Musik (Dirk Raulf) variierten, schnell wechselnden Szenen ist nicht immer leicht zu folgen, auch erschließen sich nicht alle Regiedetails. Elisio (Daniel Scholz) und Fadoul (Enrique Keil), zwei schwarze Einwanderer mit schlecht passenden Anzügen (Kostüme: Ulrike Obermüller) wollen sich in der Fremde behaupten. Frau Habersatt (Agnes Mann) gibt sich als Mutter von Verbrechern aus und besucht Verbrechensopfer. „Ja, was ist denn mein eigenes Leben?“, fragt sie stellvertretend für alle. Eine blinde Frau namens Absolut (Birte Leest) will als Stripperin angeschaut werden.

Philosophin Ella (Jürgen Wink) erkennt, dass die Welt nur noch in „Mikroausschnitten“ erfasst werden kann, nicht mehr als Gesamtes. Sie erträgt nicht, dass ihr Mann Helmut (Marie-Claire Ludwig) glücklich wirkt. Diabetespatientin Frau Zucker (Eva-Maria Keller) ersinnt sich neue Biografien. Die Selbstmörder (Marie-Claire Ludwig und Thomas Sprekelsen) auf dem Hochhausdach erörtern vor dem Springen den Begriff „Ewig“.

Die Verzweiflung kann auch in Hoffnung umkippen, zeigt Martin Schulze und findet dafür immer wieder poetische Bilder. Wenn Rosa (Anke Stedingk) und Franz (Christian Sprecher) aneinander vorbeireden und ihre Ehe eine Einsamkeitsfalle geworden ist, können sie sich nur noch in Tagträumen daraus befreien.

Franz träumt sich als Leichenwäscher in die sexuelle Hingabe an seine Toten hinein. Und Rosa bindet ihr Wickelkleid auf und rennt mit weit ausgebreiteten Armen durchs schäumende Wasser. Wie es sich anfühlt, geliebt zu sein, wird in ihrer Vorstellung für Momente zur glücklichen Realität. Ihre Augen können strahlen, ihre Stimme wird lauter, fröhlicher. Und als sie eine von Franz’ Urnen über sich ausschüttet, leuchtet die Asche auf ihrem Körper.

Wieder am 20., 23., 28.1., 19.30 Uhr, Karten: 0561-1094-222. Ein Video zum Stück sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Bettina Fraschke

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