Auftritt beim Kasseler Jazzfrühling

Trompeter Till Brönner: „Jazz ist wie ein guter Film“

Till Brönner

Till Brönner ist Deutschlans populärster Jazzer und kommt mit einem besonderen Projekt nach Kassel: Beim Jazzfrühling gastiert er mit Orchester im Opernhaus des Staatstheaters.

Kassel ist für Till Brönner eine besondere Stadt. Der Trompeter trat schon im Kulturzelt auf, als er noch nicht Deutschlands populärster Jazzer war. „Davon habe ich sehr profitiert“, sagt der 43-Jährige, der zum Jazzfrühling des Theaterstübchens mit einem besonderen Projekt nach Kassel zurückkehrt: Im Opernhaus des Staatstheaters interpretiert Brönner am 27. März sein im Herbst erschienenes „Movie Album“ mit Orchester.

Die Songs, die Sie für Ihr „Movie Album“ ausgewählt haben, stammen allesamt aus der großen Zeit des Films. Gibt es heute keine gute Filmmusik mehr? 

Till Brönner: Doch, natürlich. Die beste Filmmusik ist immer die, die man gar nicht bewusst bemerkt, weil sie im perfekten Einklang mit den Bildern steht. Heute sind allerdings andere Filme erfolgreich als früher. Blockbuster erzählen oft unwirkliche Geschichten. Deshalb ist Filmmusik heute eher Sounddesign. Der klassische Filmmusikkomponist, der eine Melodie schreiben kann, ist weniger gefragt. Das ist schade.

Sie haben einmal gesagt, seitdem es den Filmmusikkomponisten und Oscar-Preisträger Hans Zimmer gibt, könne man eigentlich keine Filmmusikmelodie mehr pfeifen. 

Brönner: Da werde ich oft falsch zitiert. Ich habe gesagt, dass Hans Zimmer ein wahnsinnig guter Komponist ist - ihn zeichnet allerdings nicht aus, dass er Melodien geschrieben hat, die auf der Straße alle nachpfeifen.

Warum schreiben Sie nicht einfach mal die Musik für eine romantische Komödie? 

Brönner: Romantische Komödien reizen mich nicht so. Das ist eher was für Handwerker, die alles korrekt machen. Das Problem von heutiger Filmmusik im Fernsehen zum Beispiel ist, dass sie meist nach hinten gemischt wird und dann wie eine Filmplätscherei klingt. Das ist schade für all die Komponisten, die im stillen Kämmerlein arbeiten und deren Namen im Abspann schnell weggewürgt werden.

Was haben Jazz und Film gemeinsam? 

Brönner: Die Pausen und die Dynamik, die dahintersteckt. Ruhe ist in der Musik mindestens so wichtig wie Melodie, Rhythmus und Harmonie. Jazz ist eine sehr filmische Musik. In seinen besten Momenten ist er wie ein Film, der zunächst die eine Geschichte erzählt und dann eine andere. Die Szenen wechseln spontan. Das ist wie im richtigen Leben. Es ist jedenfalls nichts, das nach drei Minuten vorbei ist.

Was ist anders, wenn Sie nun mit Orchester auftreten? Sie sind ja in einem Orchester groß geworden. 

Brönner: Es ist erst einmal eine logistische Herausforderung. Bei einem 20-köpfigen Orchester reisen weitere 40 Leute mit. Dann muss das Timing musikalisch umgesetzt werden. Und zuletzt gibt es bei uns ein ganz bewusstes Schreiben für Individualisten. Ich habe die Musiker handverlesen. Auf jeder Position sitzt der Mann, der seinen Job nach meinem Dafürhalten am besten macht. Schon die Band von Duke Ellington hat auch deshalb so gut geklungen, weil für jeden einzelnen Musiker ganz bewusst geschrieben wurde.

Manche Fans von einst sagen, Till Brönner sei mit der Zeit immer seichter geworden. Was entgegnen Sie denen? 

Brönner: Nichts, das darf jeder so sehen. Diese Kritik hat es schon immer gegeben. Sie liegt in der Natur des deutschen Jazz-Fans und trifft alle Musiker, die keinen puren Jazz spielen. Wenn man Jazz-Fan ist, hat man sich offenbar einen solch speziellen Geschmack angeeignet, den man verteidigen möchte. Alles, was viele Leute hören, ist dann eine Herabwürdigung des eigenen Geschmacks. Deswegen soll man möglichst eckig und für wenige Leute spielen. Ein Berufsmusiker sollte anders denken.

Sie waren zweimal Juror in der Castingshow „X Factor“. Wurde das Casting-Format mittlerweile tot gesendet? 

Brönner: Offensichtlich nicht. Heino, der als Juror bei „DSDS“ dabei ist, hat gerade beim jungen Publikum gepunktet. Ich denke, das Prinzip der Castingshows mit Juroren, die sich kabbeln, kann man noch eine ganze Weile weitertreiben. Menschen haben nach wie vor große Lust, anderen Menschen beim Scheitern zuzusehen. Man muss sich allerdings von dem Gedanken verabschieden, dass Talente für die Ewigkeit in diesem Format eine Chance hätten. In Deutschland gibt es da viel zu wenig, was man empfehlen könnte. Stattdessen schleppen die Teilnehmer für Jahre einen Stempel mit sich herum.

Das ist Till Brönner

Geboren: am 6. Mai 1971 in Viersen bei Düsseldorf Ausbildung: Abitur in Bonn-Bad Godesberg. Studium an der Hochschule für Musik in Köln (Jazztrompete). Karriere: Schon für sein erstes eigenes Album „Generations of Jazz“ (1993) erhielt Brönner den Preis der Deutschen Schallplattenkritik. Seither unter anderem drei Echos und eine Grammy-Nominierung. Privates: Brönner hat aus einer früheren Beziehung einen elf Jahre alten Sohn. Er lebt in Berlin und Los Angeles. Sonstiges: Im Herbst hat der Hobby-Fotograf seinen ersten Bildband mit Porträts von Stars wie Beth Ditto und Armin Müller-Stahl herausgebracht („Faces of Talent“, teNeues, 98 Euro). 

Termine Kasseler Jazzfrühling

Der Auftritt von Till Brönner mit seinem Orchester ist der Höhepunkt des Kasseler Jazzfrühlings, den Markus Knierim vom 12. bis 29. März in seinem Theaterstübchen und an anderen Orten der Stadt veranstaltet.

12. März: Willy Ketzer & The Paul Kuhn Family

14. März: Malia & Band

15. März: Dauner & Dauner

16. März: Vana Gierig Group

17. März: Jacob Karlzon 3

18. März: XYJazz - Uni-Bigband Göttingen

19. März: Ulita Knaus

20. März: Triosence (Karlskirche)

21. März: Residance Orchester Cassel (Ballsaal des Hotel Reiss)

22. März, 19.30 Uhr: Wallace Roney Quintet feat. Lenny White & Buster Williams

24. März: Sistergold

25. März: Barbara Dennerlein Duo

26. März: Trilok Gurtu

27. März, 19.30 Uhr: Till Brönner Orchestra (Opernhaus)

28. März: Bahama Soul Club

29. März: FN22 - Salute to Sinatra

Beginn (wenn nicht anders angegeben): 20 Uhr, Theaterstübchen, Jordanstraße 9.

Tickets: 0561/203-204, www.theaterstuebchen.de

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