Neu im Kino: Der koreanische Venedig-Gewinner „Pieta“ ist ein Meisterwerk

Trost gibt es hier nicht

Gewissenlos: Lee Kang-do (Lee Jeong-Jin) ist ein Geldeintreiber, der mit äußerster Brutalität vorgeht. Foto: dpa

Wie kann man mittellose Handwerker dazu bringen, horrende Schulden zu begleichen? Indem man sie zu Krüppeln macht und ihre Unfallversicherung kassiert. Das ist die gewissenlose Masche des Geldeintreibers Lee Kang-do (Lee Jeong-Jin).

Einmal genügt es nicht, das Opfer von einer Bauruine springen zu lassen. Nachträglich muss dessen Fußgelenk mit einem Stein zerschmettert werden. Als der so Malträtierte seinen Peiniger verflucht, wird sein Schmerz durch einen erbarmungslosen Tritt verdoppelt - von Cho Min-soo (Jang Mi-sun), die den Wehrlosen für die Beleidigung ihres Sohnes be-straft. Der Schock über diese Brutalität - die im ganzen Film nur sparsam gezeigt wird - birgt eine unangenehme Wahrheit: Mütter lieben egoistisch - sie würden für ihre Kinder über Leichen gehen.

Asketisch auf wenige trostlose Schauplätze und eine Handvoll hoffnungslose Gestalten reduziert, analysiert das Sühnedrama „Pieta“ schonungslos das menschliche Herz, bis keine Sympathieträger übrig sind. Gerade dadurch kann der renommierte südkoreanische Filmemacher Kim Ki-Duk ein überwältigendes Mitgefühl für moralische Schwächen mobilisieren.

Fast wider Willen wird der Zuschauer erobert. So wie der vereinsamte Lee von der mysteriösen Cho. Als die Frau ihm eröffnet, ihn zur Welt gebracht zu haben, glaubt der als Waise aufgewachsene Lee an einen schlechten Scherz. Er verspottet, demütigt und vergewaltigt sie sogar. Aber gegen ihre bedingungslose Hingabe und Parteinahme ist er machtlos. Lee wird von ihr emotional abhängig - und gütig.

Ist sie tatsächlich seine Mutter - oder doch nicht? Lange Zeit hält Kim Ki-Duk diese Frage offen. Doch auch als sie beantwortet ist, verliert „Pieta“ nichts von seiner Wirkung. Die kontrapunktisch gegeneinander geführten Entwicklungen von Cho und Lee nehmen absolut gefangen.

„Pieta“ ist Lateinisch und bezeichnet die Darstellung Marias mit dem toten Leichnam Jesu. Weder der Titel noch das Ende mit gesungenem „Kyrie eleison“ und kilometerlanger Blutspur wären nötig. Das bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnete Werk ist ohne Passionskitsch bewegend genug.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!!

www.hna.de/kino

Von Andreas Günther

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