Thomas Bockelmann inszeniert am Kasseler Staatstheater Samuel Becketts „Warten auf Godot“

Der Trost ist ein Nickerchen

Halt finden im Gespräch: Uwe Steinbruch als Estragon (links) und Jürgen Wink als Wladimir, hinten: Reinhart Firchow (Pozzo). Foto:  Klinger

„Schlafe ich denn in diesem Augenblick? Wenn ich morgen glaube, wach zu werden, was werde ich dann von diesem Tage sagen?“

Wladimir

Kassel. Letztlich geht es doch immer darum, sich ein Eckchen Geborgenheit einzurichten in der zugigen Leere unserer Hoffnungslosigkeit. Geborgenheit? Das ist ein Nickerchen, ein vertrautes Gespräch. Das ist einer, der mich anstupst, wenn ich nicht mehr weiterwill. Die Figuren in Samuel Becketts Theaterklassiker „Warten auf Godot“ wollen oft nicht mehr weiter. Sie wissen, dass das Nirgendwo der Platz ist, an dem sie sich einrichten müssen. Ob dieser Godot kommt, ist egal.

In Thomas Bockelmanns großartiger Inszenierung am Kasseler Staatstheater knirscht es im Nirgendwo. Daniel Roskamp hat den Bühnenboden mit weißen Splittern aufgefüllt wie mit Schnee oder Glas. Darauf: ein Bäumchen, Laterne, eine Kiste für Streusand. Dirk Raulf erzeugt am Rand sitzend mit dem Basssaxofon flirrende Klänge, die das Unbehauste noch verstärken.

Wie sich Jürgen Wink und Uwe Steinbruch als Wladimir und Estragon in zweieinhalb Stunden diesen Raum zu eigen machen, ist große Schauspielkunst, eine echte Seh-Freude. Ihr virtuoser Pas de deux der Verzweiflung ist präzise durchgearbeitet, jede Bewegung, jede Sprachnuance sitzt. Ihre Szenenminiaturen sprechen von Würde, vom Akzeptieren der Hoffnungslosigkeit und der Kraft, sich immer wieder aufzurappeln, und entwickeln sich in einem nie abfallenden Spannungsbogen.

Uwe Steinbruchs Estragon mit den schmerzenden Stinkefüßen ist ein Leidensmann, der das Vergessen als wohlige Hülle um sich schlingt. Sein malerisch-übertriebenes Grimassieren erzählt von einem Clochard, der zu oft allein ist.

Jürgen Wink lässt seinen Wladimir das Kinn hoch tragen. Der hat den Anstand aus besseren Tagen ins Prekariat gerettet. Wladimir ist der Antreiber, der Mahner. Aber wenn Estragon in sein Schläfchen versinkt, hält er die Gesprächspause nicht aus.

In den wortlosen Slapstickszenen beim Schuheanziehen sind Wink/Steinbruch ein Clownsduo in Laurel-und-Hardy-Tradition, im Trennenwollen und Nicht-Loslassen-Können wie ein altes Ehepaar. Wenn Wladimir den kindlich-gierigen Estragon mit zärtlichen Gesten und Blicken ermahnt, sich nicht auf die Hühnerknochen zu stürzen, sind sie wie Vater und Sohn. Dann wieder spielen sie auf der Kiste liegend Konversation und probieren Erwachsenenposen aus wie Kinder. Hinreißend.

Beeindruckend ist auch das andere Darstellerpaar. Reinhart Firchow und Thomas Sprekelsen sind Pozzo und Lucky, Herr und Knecht in pastelliger Mondän-Montur aus Pelzkragenmantel und Frack (Kostüme: Wiebke Meier). Firchows Pozzo eignet sich mit Donnerstimme und Dominanzgesten den Raum an wie ein Alphamännchen - doch sein Rudel ist ihm abhanden gekommen.

Thomas Sprekelsen schlurft als sabbernder Lucky an der Leine und lässt sich beschimpfen. Er macht mit seiner Unterwürfigkeits-Show aber deutlich, dass Lucky möglicherweise in Wirklichkeit Pozzo unter der Knute hat. Als ihm befohlen wird, laut zu denken, gibt es eine ungeheure Energieexplosion. In einer gigantischen Wortkaskade spuckt er gelehrte Begriffe aus - und kassiert Szenenapplaus. Am Ende steigert der sich zu Jubel und rhythmischem Klatschen im begeisterten Saal.

Wieder am 29.9., 9., 12.10., Karten: 0561-1094-222, ein Video aus der Probe sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Bettina Fraschke

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