Preisverleihung beim Kasseler Dokfest: Trüffelschwein im Tuffsteinboden

Ausgezeichnet: Jonatan Schwenk (von links), Ziad Kalthoum, Ralph Schulz und Klaus Stern. Foto: von Busse

Kassel. Der unbeschwert-heitere Abend der Preisverleihung beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest hatte am Samstag in der vollen Weinkirche auch ernste Momente

Ziad Kalthoum, dessen beeindruckender Dokfest-Eröffnungsfilm „Taste of Cement“ als beste Nachwuchsarbeit ausgezeichnet wurde, sagte in seinem Dank, wie schwierig es sei, Nachrichten aus Syrien auszuhalten: „Wir können nichts als zuschauen.“

Wie wichtig aber gerade das genaue Hinsehen ist, macht sein nach Auffassung der Jury elegischer, vielschichtiger, sorgfältig arrangierter Film ebenso deutlich wie der ebenfalls prämierte Festival-Beitrag „Radio Kobanî“ über einen Sender in der gleichnamigen zerstörten Stadt. Kalthoum zeigt, wie in Beirut syrische Exilanten, die auf der Baustelle wie in einem Gefängnis leben, ein Hochhaus errichten, während ihre Heimatstädte dem Erdboden gleichgemacht werden. „Er lässt uns den Geschmack von Zement in Augen, Ohren und im Herzen fühlbar werden“, so die Jury.

Vergnüglicher Höhepunkt der von Wieland Höhne moderierten, kurzweiligen Dokfest-Gala war die Spitzen-Ehrenpreis-Laudatio des aus Kassel stammenden Steffen Hallaschka - er stellte sich selbstironisch als Moderator von „Deutschlands Dokumentarfilmsender Nummer eins, RTL“, vor - für seinen Freund Klaus Stern. Hallaschka würdigte den 48-Jährigen als „regelrechtes Trüffelschwein im feuchten Tuffsteinboden seiner Heimat“, der den Heimatfilm neu definiert habe, als fabelhaften Beobachter und Meister der Montage. Der Grimme- und Fernsehpreisträger dürfe sich längst das Logo seiner Produktionsfirma Sternfilm ans Handgelenk tätowieren, sagte der „stern TV“-Moderator in Anspielung auf Sterns Protagonisten Mehmet Göker („Versicherungsvertreter“). Einen Platz könne man ja nicht nach ihm benennen - den „Stern“ gibt es in Kassel schon.

Die „Monitoring“-Jury kürte Ralph Schulz’ Videoarbeit „Testimonials“ als beste Medienkunstinstallation. Sie besteht aus lauter gekauften Lobeshymnen zu einem Kunstwerk, das es gar nicht gibt. Mit Jubel wurde zuletzt die Vergabe des Goldenen Herkules an Jonatan Schwenk aufgenommen. Der nach Ansicht der Jury visuell herausragende zehnminütige Trickfilm „Sog“ erzählt von Fischen, die sich in Bäumen verfangen, von der Begegnung zweier Spezies und von einem universellen Thema: der Angst vor dem Fremden.

Die Preisträger

Goldener Schlüssel (5000 Euro) für die beeindruckendste dokumentarische Nachwuchsarbeit, unterstützt von der Stadt Kassel: „Taste of Cement“ von Ziad Kalthoum. Lobende Erwähnung: „Titan“, Johannes Frese.

Goldener Herkules (3500 Euro) für die beste filmische Produktion aus Nordhessen, gestiftet von der Machbar GmbH: „Sog“ von Jonatan Schwenk. Lobende Erwähnung: „Räuber & Gendarm“, Florian Maubach.

junges dokfest: A38 - Produktions-Stipendium Kassel-Halle (Unterstützung: LPR Hessen, Medienanstalt Sachsen-Anhalt, Werkleitz, bis zu 8000 Euro Unterhalt, Reisekosten, Sachleistungen): „Radio Kobanî“ von Reber Dosky. Lobende Erwähnung: „Melanie“, Susanne Helmer.

Golden Cube (3500 Euro) für die beste Installation bei Monitoring, gestiftet von der Micromata GmbH: „Testimonials“ von Ralph Schulz. Lobende Erwähnung: Marlene Maier.

Ehrenpreis des Festivals (3000 Euro), gestiftet von Hübner GmbH: Klaus Stern.

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