„Cranach und die Kunst der Renaissance“ im Berliner Schloss Charlottenburg

Tugendwart der Hohenzollern

Ehrwürdig: Lucas Cranach d. J., Kurfürst Joachim II. von Brandenburg (um 1570) Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten

Die Berliner Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ist reich an Gemälden von Lucas Cranach. Der heutige Bestand von üppigen 38 Gemälden des älteren Cranach und seines Sohnes bildete im 16. Jahrhundert den Grundstock der Kunstsammlungen in den preußischen Schlössern. Die Ausstellung „Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern“ im Schloss Charlottenburg gibt mit über 200 Exponaten erstmals Einblicke in die Frühphase der brandenburgisch-preußischen Geschichte und ihrer Kunst.

Kurfürst Joachim II. baute nach seinem Regierungsantritt 1535 Berlin zum Herrschersitz aus. Der Neubau des ersten Schlosses fällt in jene Zeit. Damals wurde die Stadt von einer mittelalterlichen Festung zu einer modernen Residenz - nach Vorbild der Renaissance-Schlösser der sächsischen Kurfürsten. Baumeister und Künstler, oft aus Sachsen, sorgten fürs entsprechende Ambiente. Darunter auch Lucas Cranach d. Ä., der sächsische Hofmaler.

In farblicher Steigerung mit grünem und rotem Wandanstrich für Cranachs Gemälde wird der Besucher durch sechs Räume geführt. Vorbei an dem einzigen Selbstporträt des Künstlers, seinen Darstellungen von Adam und Eva oder auch des Hofastrologen Johannes Carion. Natürlich wurden die Herrscher eindrucksvoll verewigt: Kurfürst Joachim I. (1499-1535) sowie Joachim II. (1535-1571) durch Cranachs Sohn. Als Tugendmahner prägt der Senior sich ein, mit wirkungsvollen Allegorien von Mäßigung, Weisheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, die den Schlossherren als moralisches Vorbild dienten.

Ein Ereignis sind die neun großformatigen Passionstafeln, die Cranach 1537 für den alten Berliner Dom schuf. Fulminant in der Dramatik, bewegend in der Detailschilderung hat Cranach d. Ä. das Leiden Christi dargestellt. Einzigartig etwa „Christus in der Vorhölle“, der nicht so sehr bedrängt wird von höllischen Ungetümen, als dass er einer Reihe nackter Menschlein den rechten (Aus-)Weg weist. Seine „Auferstehung“ kontrastiert direkt mit dem Tod und der vorangegangenen „Grablegung“, indem der Künstler die Christusfigur auf den offenen Sarkophag postiert, von einem wallenden roten Tuch effektvoll begleitet. Dank seiner bestens organisierten Werkstatt konnte der Maler den Auftrag in kurzer Zeit bewältigen.

Die neun Altarmitteltafeln zeigen Szenen aus der Passion Christi, nicht aber die Kreuzigung selbst. Die Seitenflügel mit Heiligen fielen vermutlich einem Bildersturm zum Opfer. Die Zeiten waren bewegt, auch der Dreißigjährige Krieg (ab 1618) zerstörte manches.

Zurückkehren werden die prachtvollen Cranach-Zeugnisse dorthin, wo sie sonst aufbewahrt werden: ins einzige Renaissance-Schloss Berlins, das Jagdschloss Grunewald.

Bis 24. Januar, Schloss Charlottenburg. Ergänzend läuft in der Marienkirche die Schau: „Kirche, Hof und Stadtkultur“. www.spsg.de/cranach

Von Andrea Hilgenstock

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