Künstlerin Yoko Ono feierte ihren 80. Geburtstag mit einem Konzert in Berlin

Tunnel führt zum Licht

Geburtstagskerzen: Martha Wainwright im roten Kleid gratuliert Yoko Ono (mit Hut) beim Auftritt in der Berliner Volksbühne. Foto: Owsnitzki/ Volksbühne

Berlin. Auch die Hexe war mal ein kleines Mädchen. Im Spitzenkleid lässt sich das pausbäckige Kind ins Gras fallen. Dann ist sie eine Frau mit strengen Zügen. Ohne zu zucken lässt sie sich den BH vom Körper schneiden.

Mit diesen Szenen beginnt am Sonntagabend Yoko Onos Geburtstagskonzert in der Volksbühne Berlin, einem Ort, den sie sich „wegen Bert Brecht“ gewünscht hat.

Man könnte meinen, dass man die 80-Jährige nicht mehr vorstellen muss: John-Lennon-Muse und Lennon-Witwe, Fluxus-Künstlerin und Schimpfwort für Beatles-Jünger. Trotzdem läuft ein Video, das 80 Jahre Yoko Ono zusammenfasst. Eine Auffrischung für das erstaunlich junge Publikum, John Lennons blutige Brille inklusive.

Die folgenden zwei Stunden haben jedoch nichts mehr mit Beatles-Nostalgie zu tun. Ono, die immer noch in einem Mädchenkörper steckt, schreit, jammert und stöhnt sich in Ekstase, fällt von der Zen-Meditation in den Walpurgisnacht-Hexentanz. „Wenn ich schreie, passieren merkwürdige Dinge“, sagt sie. „Ich gehe durch einen Tunnel zum Licht.“

Mit auf die Reise nimmt sie die Plastic Ono Band unter der Leitung ihres Sohnes Sean Ono Lennon (37). Mit Zylinder und fliegenden Locken ist er für die Rockstarposen zuständig, die nicht recht zu den entrückten Klangbildern seiner Mutter passen wollen. „Sie ist eine bad-ass-bitch, oder?“ ruft er in den Saal. Mama Ono tadelt ihn für das „Üble Hexe“-Schimpfwort und weil er sie unterbricht.

Dass Yoko Ono so etwas wie eine feministische Urmutter ist, zeigt sich an den Gästen ihrer Geburtstagsparty. Für eine rotzige Rockversion von „Yes, I’m A Witch“ (Ja, ich bin eine Hexe) kommt Peaches auf die Bühne, der selbstbewusste Prototyp der Elektro-Punk-Frauen Berlins.

Doch auch eine Avantgarde-Künstlerin lässt sich von Torte und Kerzen rühren. Für das Geburtstagsständchen sind die Geschwister Rufus und Martha Wainwright zuständig, auch Michael Stipe von R.E.M. singt mit. Yoko Ono kann gar nichts mehr sagen, bevor das Konzert mit „Give Peace A Chance“ in ein ekstatisches Finale geht.

Zum Schluss erscheint sie auf der Leinwand. Mit einer Taschenlampe blinkt sie ihr Morsezeichen für „Ich liebe Dich“ ins Publikum. Einmal kurz, zweimal lang, dreimal kurz. Am Eingang hatte jeder Besucher eine weiße Lampe bekommen. 2000 Lichter blinken zurück.

Von Saskia Trebing

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