Ein musikalischer Spaß: Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ am Kasseler Staatstheater

Turnübungen mit Gefühl

Ist der Fremde wirklich der legendäre Vetter Roderich, wie er behauptet? Von links Bernhard Modes (Karl), Joke Kramer (Tante Wimpel), Johannes An (Erster Fremder), Dieter Hönig (Onkel Josse) und Klaus Rothkegel (Hans). Foto: Nils Klinger

Kassel. Das hat dem Kasseler Staatstheater noch gefehlt: Die beiden Altstars Joke Kramer und Dieter Hönig gemeinsam am Barren schwingend! Eine glatte Zehn in der Komik-Wertung hat diese Turnübung verdient.

Wo ist so etwas möglich? Natürlich in der Operette, und was in diesem unterschätzten Genre alles steckt, das zeigt Dominique Mentha in seiner Kasseler Inszenierung des Klassikers „Der Vetter aus Dingsda“.

Allerdings muss man sich dabei so viel Mühe geben, wie es Mentha und sein Team Helfried Lauckner (Bühne), Ingrid Erb (Kostüme) und Antonio Gomes (Choreografie) mit Eduard Künnekes Erfolgsstück von 1921 gemacht haben: Sie haben den Dreiakter gestrafft und in ein mit Glitzerlampen versehenes Revuetheater der 20er-Jahre gepackt. Die Szenen werden launig anmoderiert von einem Conférencier (Intendant Thomas Bockelmann) und garniert mit drei kessen Revuegirls (Brea Cali, Elisabetta Lauro und Lillian Stillwell).

Dass auch die Souffleuse Ursula Brehm-Rogler ins Stück eingreift, ist nur einer von vielen Gags, die der Luzerner Theaterdirektor Mentha in dem gut zweistündigen Programm mit schweizerischer Präzision zünden lässt.

Viel Handlung gibt es ja nicht: Die reiche Erbin Julia (Nina Bernsteiner) und ihre Freundin Hannchen (Maren Engelhardt) sind genervt von Onkel Josse (Dieter Hönig) und Tante Wimpel (Joke Kramer), die ihr Mündel Julia vor der Volljährigkeit mit ihrem Neffen August Kuhbrot verheiraten möchten. Doch Julia wartet treu auf ihren Vetter Roderich, der vor sieben Jahren nach Batavia auf Java entschwand.

Zum Leidwesen des in Julia verliebten Egon von Wildenhagen (János Ocsovai) erscheinen nacheinander zwei Fremde. Misstrauisch beäugt sowie mit Flinten und Kettensägen in Schach gehalten von den beiden urkomischen Dienern Karl (Bernhard Modes) und Hans (Klaus Rothkegel). Am Ende stellt sich heraus: Es sind August (Johannes An) und Roderich (Jürgen Appel). Bleibt die Frage: Welche Paare finden zueinander?

Jenseits der wunderbar getimten Situationskomik gelingt es Mentha, auch das leicht Subversive der Operette herauszukitzeln: Sind unsere Gefühle wirklich so tief und echt, wie es die große Oper behauptet? Natürlich nicht, und so wird - Vorsicht: Ironie! - die ganze Bühnenfront zum Sternenmeer, und eine bemannte Mondsichel schwebt vorbei, wenn Julia ihr Liebeslied „Strahlender Mond“ an den fernen Geliebten richtet.

Mit Schmelz und Schmalz

Nina Bernsteiner findet als Julia mit Natürlichkeit und klarem Soprantimbre die Balance zwischen schwärmerischer Empfindung und Sentimentalität, während Maren Engelhardt mit ausgeprägtem Schalk und souveräner Stimmgebung die Figur des Hannchens aufwertet.

Johannes An gibt den falschen Vetter mit frechem Charme und versieht den Hit „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ bis zum Falsetto-Schlusston mit Schmelz und Schmalz. An Bühnenpräsenz und komischem Talent übertrifft aber niemand Joke Kramer und Dieter Hönig, die als Tante Wimpel und Onkel Josse brillieren - trotz Abstrichen in der sängerischen B-Note.

Für ordentlich Schwung in dem an Ohrwürmern reichen Stück sorgt Kapellmeister Alexander Hannemann. Fetzigkeit und Sentiment sind gut dosiert, auch harmonieren die Sänger mit dem hinten auf der Bühne platzierten Orchester.

Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Opernhaus verausgabte sich nicht nur mit Beifall und Bravos. Bereits zuvor durfte man in Gotthilf-Fischer-Manier den „Wandergesell“-Refrain kollektiv mitsingen (oder brummen).

Wieder am 30., 31.3., 11., 13., 21., 24.4., Karten: Tel. 0561/1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Eindrücke der Inszenierung im Video sehen Sie unter www.hna.de/video

Von Werner Fritsch

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