Dokumentation auf 3sat

TV-Kritik zu „50 Jahre Woodstock“

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Große Mehrheit will der Fernbedienung treu bleiben

Ralf Rättig erkundet in seiner 3sat-Dokumentation, wie heutige Musikerinnen und Musiker über das Festivalereignis denken.

Am 15. August 1969 hätte das Musikfestival „Woodstock Music & Art Fair“ seine Tore geöffnet – wenn es denn welche gehabt hätte. Weil die Veranstalter kurzfristig den Austragungsort wechseln mussten, fehlte es an der nötigen Infrastruktur, unter anderem an Absperrzäunen und Kassenhäuschen. Und dann kamen noch zwei- bis dreimal mehr Zuschauer als veranschlagt. Schätzungen zufolge 400.000, dazu etliche, die im Verkehr stecken geblieben waren. Das Festival wurde zum Mythos, weil es derart viele Menschen in Bewegung gesetzt hatte, weil es chaotisch verlief, zeitweilig unter Wolkenbrüchen und Versorgungsmängeln litt, aber trotz aller Widrigkeiten nicht in einer Katastrophe mündete. Veranlasst worden war das Festival durch die Geschäftsinteressen der Veranstalter, glücklich zu Ende gebracht werden konnte es nur, weil viele Menschen uneigennützig handelten. Damit wurde das Woodstock-Festival, das ohne Einbeziehung des zeitgleich lodernden Vietnam-Krieges nicht angemessen bewertet werden kann, zu einer Manifestation nicht der Hippie-Bewegung, wie oft fälschlich behauptet, sondern der damaligen US-amerikanischen jugendlichen Gegenkultur, die aus unterschiedlichen subkulturellen Gruppen bestand. Und natürlich waren hunderte Jugendliche im Publikum, die nach der Heimkehr vom Festival brav in die Schulen und an ihre Studien- oder Arbeitsplätze zurückkehrten.

Im Jubiläumsjahr 2019 ist dieses geschichtsträchtige Ereignis Anlass für allerlei Programmbeiträge in Hörfunk und Fernsehen. Darunter Sehenswertes wie die an dieser Stelle besprochene, im Ersten ausgestrahlte Dokumentation „Woodstock – Drei Tage, die eine Generation prägten“. Aber auch Kurioses wie der morgige „ZDF-Fernsehgarten“ (11:50 Uhr). Dessen Motto lautet – und es klingt wie eine mediokre Comedy-Nummer aus der „Heute-Show“ – „Woodstock meets Wacken“. Möchte man ausgerechnet die Moderatorin Andrea Kiewel über Gegenkultur und politische Musikerinnen und Musiker wie Joan Baez und Jimi Hendrix simpeln hören? Eher nicht. Das ZDF ist ebenfalls beteiligt an der Dokumentation „50 Jahre Woodstock“. Darin befragt der Filmautor Ralf Rättig heutige Musikerinnen und Musiker nach ihrer Haltung zu Woodstock. Ausgewählt wurden nach nicht näher erläuterten Kriterien Janine und Vera Cathrein von der Schweizer Folk-Band Black Sea Dahu, die Berliner Sängerin Leslie Clio und der österreichische Liedermacher Der Nino aus Wien. Außer Wort- liefern die Künstler auch Musikbeiträge. Alle wurden gebeten, einen Song aus dem Festivalprogramm auszuwählen und aufzuführen. Die Wahl fiel auf David Crosbys „Guinnevere“, auf Janis Joplins Interpretation von „Piece of My Heart“ (komponiert von Jerry Ragovoy und Bert Berns) und auf Arlo Guthries „Comin’ Into Los Angeles“, von Der Nino mit österreichischem Schmelz und unter dem Eindruck eigener Erfahrungen dargeboten. Nicht jeder der Vorträge kann als gelungen betrachtet werden.

„50 Jahre Woodstock“, Samstag, 17.8., 19:20 Uhr, 3sat

Sporadisch eingestreut gibt es Reminiszenzen zum Festival vom Mitveranstalter Joel Rosenman, der von angstvollen Momenten während des Starkregens berichtet, und vom offiziellen Festivalfotografen Elliott Landy. Eine inhaltliche Linie ist in diesem selbst für eine Laufzeit von knapp vierzig Minuten noch dürftigen Beitrag nicht auszumachen. Relevante Fragestellungen scheinen an: Wo haben sich Werte der Woodstock-Erfahrung erhalten, wo leben sie aktuell wieder auf? Wie verhält sich die Kommerzialität in der Showbranche, von der ja auch das Woodstock-Festival keineswegs frei war, zum Idealismus und politischen Engagement einzelner Künstler? Wie steht es um Geschlechterrollen und Geschlechterbilder? Es bleibt bei knappen Statements der befragten Künstler, ein Bestreben nach einer vertiefenden Erörterung ist nicht erkennbar. Gerade die aber wäre spannend gewesen, und eine sinnvolle Ergänzung der kuranten Woodstock-Berichterstattung.

Von Harald Keller

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