Interview über die Radikalisierung von Stephan Ernst

Kasseler Filmemacher Raymond Ley spricht über sein Doku-Drama zum Fall Lübcke

Befragung: Norbert Bartels (Joachim Król, links) vernimmt Stephan Ernst (Robin Sondermann). Dokudrama Schuss in der Nacht von Raymond Ley
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Befragung: Norbert Bartels (Joachim Król, links) vernimmt Stephan Ernst (Robin Sondermann).

Wie konnte es dazu kommen, dass Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet wurde? Der ARD-Film „Schuss in der Nacht“ will Antworten geben.

Im Zentrum des Films steht die damalige Bürgerversammlung in Lohfelden. Wie kam es zu der Entscheidung, Ihre Gesprächspartner nun dort ins Bürgerhaus zu setzen?

Sie alle waren 2015 dort, als Lübcke sprach. Wir hatten eine Projektion mit Fotos von der Versammlung vorbereitet, um die Zeitzeugen an den aufgeheizten Abend zu erinnern. Unsere Gäste hatten den mutmaßlichen Täter Stephan Ernst und seinen Kumpel Markus H., die an dem Abend dabei waren, teilweise noch nicht gesehen. Dies löste vielfältige Reaktionen aus.

Viele Weggefährten und Interviewpartner zitieren in Ihrem Film Lübckes Statement, teils auch im Chor. Woher kam die Idee?

Wenn viele Leute den Satz sprechen, kann man die Aussage Lübckes „fühlen“, kann man verstehen, was Lübcke meinte und auch einforderte.

Wie haben Sie die Gesprächspartner für den Dokuteil ausgewählt?

Wir wollten zeigen, wie die Gemengelage im Kleinen ist, auf dem Parteifest der CDU in Fuldabrück, bei den Bürgermeistern in der Region, in den Vereinen, bei dem Neujahrsempfang der AfD. Gerade 2015 zeigte sich, wie fragil die Empathie der Leute war. Auch in der CDU war damals die Stimmung gegenüber der Haltung der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage zum Teil kritisch.

Sie haben sogar die Kasseler „Topmodel“-Kandidatin Lijana Kaggwa vor der Kamera.

Mir war ihre Aussage wichtig, dass sie sich nach dem Tod von Lübcke oft sagt, du bist Migrantin, tritt lieber einen Schritt zurück und sei still.

Ist diese fragile Stimmungslage in der Bevölkerung auch das Grundthema der Spielszenen mit Stephan Ernst?

Wie radikalisiert sich jemand? Wie kommt der Impuls in den Kopf des Täters, dass Lübcke in seinen Augen „verantwortlich“ ist? Der Täter machte sich gesellschaftliche Stimmungen zunutze und behauptete dann, dass es einen Bürgerkrieg geben wird – für ihn ein Kampf um „weiße Vorherrschaft“.

Sind die Sätze, die Stephan Ernst im Film sagt, Originalaussagen?

Ja, aus dem ersten Geständnis. Es ist entlarvend, dass Ernst dort behauptet, er habe die Waffe auf der Fahrt zu Lübckes Haus immer wieder dabei gehabt, weil er sich selbst „schützen“ müsse. Unser Anliegen war, zu zeigen, wessen Geistes Kind er ist. Woher kommt sein Motiv?

Der Film legt nah, dass die Tat nicht von Ernst allein begangen worden ist, sondern zusammen mit Markus H. In welchem Maß soll und kann ein Dokudrama selbst Position beziehen?

Ob Markus H. am Tatort war, behaupten wir nicht. Wir stellen aber fest, was in den Akten und vor Gericht angesprochen wurde, dass Markus H. Einfluss auf Stephan Ernst ausgeübt haben könnte – gemeinsame Teilnahme an Demos, Schießübungen. Daraus leiten wir aber keine Tatbeteiligung ab.

Warum bauen Sie auch den Verfassungsschutz in die Spielszenen ein?

Weil der Verfassungsschutz nicht nur im Falle Ernst versagt hat. Zudem wollten wir, dass im Hintergrund der Themenbereich Aufklärung der NSU-Morde und Tötung des Kasselers Halit Yozgat mit der ungeklärten Rolle des Verfassungsschutzes mitschwingt. Der Kasseler Schauspieler Bernd Hölscher agiert wirklich toll als Verfassungsschutzmann. Wenn er raunt „Wollen Sie mir drohen?“, kriegt man wirklich Angst.

Was war für Sie der größte Erkenntnisgewinn in der Recherche?

Mit welch scheinbarer Gelassenheit Walter Lübcke seine Haltung durchgezogen hat. Hochachtung! -– Die Kanzlerin hatte die Linie ausgegeben, wir schaffen das, und er hat vor Ort die Unterbringung der Flüchtlinge in der Erstaufnahme organisiert.

Sie sprechen ja auch mit Flüchtlingsfamilien.

Genau, wir wollten einen Bogen schlagen – vom Beginn des Konflikts in die Gegenwart und Zukunft. Diese Familien sind hier angekommen, am Ende tanzen und singen zwei Mädchen ganz unbeschwert – ein positiver Zukunftsblick war mir wichtig.

Wie haben Sie Ihre Heimatregion nach all den Jahren erlebt?

Ich brauchte mehrere Besuche, um wieder in die Rolle des Filmemachers zu wechseln und aus diesem Blickwinkel auf Nordhessen draufzuschauen. Gerade mit diesem Thema zurückzukommen, war für mich schwierig und auch sehr interessant, die Orte meiner Kindheit und Jugend in einem ganz anderen Licht zu erleben. (Bettina Fraschke)

Die TV-Doku „Schuss in der Nacht“ über den Mord an Dr. Walter Lübcke ist am Freitag, 04.12.2020, um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen.

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