"Contagion": Vielstimmige Seuchen-Sinfonie

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Als die Seuche Menschen tötet, bricht Chaos aus: Mitch (Matt Damon) versucht dennoch durchzukommen.

München - Der stargespickte Seuchenthriller "Contagion" verzichtet zugunsten seiner Glaubwürdigkeit auf die übliche Hollywood-Dramaturgie. Sehen Sie hier den Kinotrailer.

Es beginnt mit einem Husten: Als die Marketing-Managerin Beth (Gwyneth Paltrow) mit gereiztem Hals und geröteter Nase aus Hongkong nach Minneapolis heimkehrt, glaubt sie noch an eine harmlose Erkältung. Zwei Tage später ist sie tot. Sie hat einen aggressiven Virus eingeschleppt, der sich explosionsartig verbreitet und in wenigen Wochen Millionen Menschen dahinrafft. Die Suche nach einem wirksamen Impfstoff wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit: Husten, wir haben ein Problem!

In seinem erschreckend realistischen Horrorfilm „Contagion“ schickt Regie-Wunderknabe Steven Soderbergh („Out of Sight“) einen Killervirus auf Reisen – von der Schale mit Erdnüssen auf dem Bartresen über die dem Barkeeper gereichte Kreditkarte und den Touchscreen an der Kasse, über Aufzugsknöpfe, Türklinken und Haltegriffe im Bus wandert er munter von Hand zu Hand. Mit wissenschaftlicher Akribie analysiert der sorgfältig recherchierte Film, auf welch wackeligen Beinen unsere Zivilisation steht – und wie schnell sie im Chaos versinken kann. Noch nie hat ein Pandemie-Thriller derart präzise, spannend und verständlich die Zusammenhänge dargelegt: die Folgen von Beschwichtigungstaktik, Panikmache und Raffgier, die Rolle der Medien, des Militärs, der Gesundheitsbehörden und der Pharmaindustrie. Elegant verwebt Soderbergh die einzelnen Handlungsmotive zu einer vielstimmigen Seuchen-Sinfonie.

Darin geben sich die Stars die infizierte Klinke in die Hand: Matt Damon als Familienvater, der nach dem Tod seiner Frau verzweifelt versucht, seine leichtsinnige Tochter zu retten; Marion Cotillard als Epidemiologin, die in Asien fieberhaft nach dem Ursprung des Erregers fahndet; Laurence Fishburne als Chef der Seuchenbehörde, der in einen schweren moralischen Konflikt gerät; Kate Winslet als Virologin, die an vorderster Front die Quarantäne-Maßnahmen koordiniert; Jude Law als arroganter Phramakritiker und selbsternannter Enthüllungsjournalist. Selbst die berühmtesten unter ihnen sind vor dem Virus nicht sicher: Gleich mehrere lässt Soderbergh vorzeitig über die Klinge springen, einer wird sogar vor laufender Kamera skalpiert.

Das alles geschieht indes völlig unspektakulär. Denn dieser stargespickte, sachliche, semidokumentarische Seuchenthriller verzichtet zugunsten seiner Glaubwürdigkeit auf die übliche Hollywood-Dramaturgie, auf Pathos, Effekte, Action und Gefühlsduselei. Diese wohltuende, bisweilen etwas spröde Nüchternheit hat zwar nicht unbedingt etwas Ansteckendes, aber durchaus etwas Katarrhalisches – hatschi! Pardon, etwas Kathartisches: Nach dem Kinobesuch wäscht man sich garantiert wieder öfter die Hände – und hält sich beim Niesen brav die Hand vor den Mund.

Marco Schmidt

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