INTERVIEW mit MDR-Programmdirektor Klaus Brinkbäumer

„Der Polizeiruf 110 ist eine kostbare Tradition“

Vor 50 Jahren: Der erste „Polizeiruf 110“, „Der Fall Lisa Murnau“, lief am 27. Juni 1971 im DDR-Fernsehen. Mit Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler), Harry Wolter (Ingolf Gorges), Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt).
+
Vor 50 Jahren: Der erste „Polizeiruf 110“, „Der Fall Lisa Murnau“, lief am 27. Juni 1971 im DDR-Fernsehen. Mit Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler), Harry Wolter (Ingolf Gorges), Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt).

Der „Polizeiruf 110“, das DDR-Pendant zum „Tatort“, feiert 50. Geburtstag. Wir sprachen darüber - und über seine neue Aufgabe als MDR-Programmdirektor - mit Klaus Brinkbäumer.

Zum „Polizeiruf 110“-Jubiläum beginnt am Sonntag, 30. Mai, im Ersten ein neues Team aus Halle. Der Auftakt „An der Saale hellem Strande“ nimmt die „Polizeiruf“-Tradition auf: Konzentration auf Alltagsgeschichten, Verzicht auf Action. Andreas Schmidt-Schaller, der von 1986 bis 1995 in 33 Fällen ermittelt hat, taucht als Polizist im Ruhestand auf. Ein Gespräch mit Klaus Brinkbäumer, Ex-„Spiegel“-Chefredakteur und früherer USA-Korrespondenten, der seit Januar als Programmdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle tätig ist.

Der Jubiläums-„Polizeiruf 110“ ist stilistisch und dramaturgisch ungewöhnlich. Wie viel Experiment ist in der Reihe möglich – und wann verprellt man die Zuschauer? Wie ist da die richtige Balance? 
Der „Polizeiruf“ hat 50 Jahre lang experimentiert und war immer mutig. Er hat ja schon zu DDR-Zeiten Grenzen ausgelotet, er hat sehr viel mehr gewagt als im sonstigen Fernsehprogramm und überhaupt in der Medienwelt der DDR üblich war. Er hat mehr riskiert, sich immer vorgetastet. Ich glaube, dass das Feld endlos weit ist. Und dass die Zuschauerinnen und Zuschauer gelernt haben, dass sehr unterschiedliche Erzählformen möglich sind, dass wir wagemutig sind, dass wir uns von Klischees längst wegbewegt haben. Denken Sie etwa an die Filme mit Matthias Brandt aus Bayern. Es wäre seltsam, wenn es kein Verbrechen gäbe und keine Ermittlungsarbeit, wenn wir das Genre also komplett verlassen würden. Aber innerhalb des Genres Kriminalfilm sehe ich keine Grenzen. 
Der „Polizeiruf“ ist neben dem Sandmännchen das einzige Fernsehrelikt der Vorwendezeit aus dem Osten. Wie wichtig ist diese Abstammung, diese Geschichte noch? 
Die ist wichtig. Wenn bei uns im Mitteldeutschen Rundfunk alte Filme wiederholt werden, ist die Quote stets hoch. Das Publikum ist sehr treu. Es gibt dazu eine liebevolle Kommunikation – Fragen, Austausch, Weißt-du-noch-Gespräche. Das ist eine kostbare Tradition, die wir entsprechend wertschätzen und pflegen.
Wie wichtig ist der „Polizeiruf“ als Aushängeschild für Ihren Sender – und speziell das neue Team aus Halle?
Der „Polizeiruf“ aus Halle hat eine große Geschichte für den MDR durch die Vorgänger Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler. Das lädt das Projekt auf.  Der „Polizeiruf“ zum 50. Geburtstag, wieder aus Halle, hat natürlich Gewicht und soll es auch haben. Und dieser Film ist explizit mit Halle verbunden. Er gehört in diese Stadt. Und die neuen Ermittler sind fantastisch, nämlich emotional und charakterstark, obwohl sie natürlich noch keine Tradition haben können.
Wobei der Film präzise in Halle situiert ist, die Dialektfärbung etwa ist ein Vergnügen. Wie wichtig sind solche spezifischen Merkmale?
Enorm wichtig, weil sich die Menschen aus Halle ja in dem wiedererkennen. Wir würden Probleme bekommen, vielleicht sogar scheitern, wenn die Menschen uns hinterher nur sagen würden, was alles nicht stimmt. Dieser Film aber ist in jedem Detail stimmig. Peter Kurth hat wirklich Familienanbindung an Halle, man glaubt es ihm sofort, dass das seine Stadt ist. Nach meinem Gefühl gibt er dem Film eine Tiefe, die wirklich guttut. Für mich ist die ganze Produktion schlicht authentisch.
War es schwer, einen Top-Schauspieler wie Peter Kurth zu verpflichten?
Ich darf sehr stolz über diesen Film reden und bin sehr stolz, aber das ist natürlich passiert, bevor ich meine Rolle angetreten habe. Ich möchte diesen Ruhm nicht einheimsen. Nach allem, was ich weiß, war es nicht schwierig: Peter Kurth war neugierig auf dieses Projekt – und mit Begeisterung geht es manchmal ganz schnell.
War es im Sender Thema, dass es wieder zwei männliche Kommissare sind, wie früher beim Ermittlerduo Schmücke/Schneider?
Das ist natürlich immer ein Thema, weil wir ja selbst darüber reden, ob unser Programm ausgewogen ist, ob wir die Gesellschaft abbilden, so wie sie ist. Das muss man heutzutage im Blick haben. Aber der „Polizeiruf“ hatte nun wirklich von Anfang an Ermittlerinnen dabei. Claudia Michelsen ermittelt im „Polizeiruf“ in Magdeburg. Ich finde das unproblematisch: Es gibt auch im wahren Leben Männerduos bei der Polizei.
Etwas absolut Besonderes ist, dass der Partner von Peter Kurth, Peter Schneider als Lehmann, Familie hat.
Stimmt, beim „Polizeiruf“ haben die Ermittler meist wenig Privatleben, verglichen mit den „Tatort“-Kommissaren waren die Geschichten eher auf Opfer und Täter reduziert. Das ist hier etwas anders. Es gibt dem Film viel Tiefe.
Die neue Folge knüpft geschickt an die „Polizeiruf“-Geschichte an, schon durch die Konzentration auf Alltagsgeschichten. Es gibt keine Verfolgungsjagden, keine Action. Gleichzeitig spielt sie mit den Erinnerungen an frühere „Polizeiruf“-Generationen – wie in der Figur von Andreas Schmidt-Schaller als Polizist im Ruhestand. Ehemalige Episodentitel tauchen als Zwischentitel auf. Nun hat der MDR den Ruf, Ostalgie zu bewahren und zu pflegen – ärgert Sie dieses hartnäckige Klischee, oder ist da was dran?
Ich finde das manchmal ermüdend, weil es dem Sender, den ich erlebe, so gar nicht entspricht. Der MDR ist so jung und innovativ unterwegs. Wir sind mit investigativen Recherchen auch journalistisch stark. Wir machen moderne Unterhaltung. Und dann kommt dieses Volksmusik-Klischee… Ich finde dieses Urteil nicht gerecht.
Nun ist es eine Überraschung, wenn ein ehemaliger „Spiegel“-Chefredakteur und USA-Korrespondent zum Fernsehen nach Leipzig geht. Was hat Sie gereizt am Job des Programmdirektors? Und wie wollen Sie den Sender neu ausrichten?
Das Neu-Ausrichten braucht der MDR nicht. Der steht aufrecht und weiß, wohin er will. Ich habe mich in den vergangenen zwei Jahren sehr mit Medien und Demokratie beschäftigt. Die Schwäche der amerikanischen Gesellschaft hat ganz entscheidend mit einer Schwäche der Medien der Mitte zu tun, mit dem Fehlen eines öffentlich-rechtlichen Systems. In den USA sind solche Sender spendenfinanziert. Sie sind inhaltlich gut, aber schwach ausgestattet. Sie können die Gesellschaft nicht zusammenhalten. Ich war für ein Buch und einen Film  mit der Polarisierung und der Dysfunktionalität der amerikanischen Gesellschaft beschäftigt, als der Kontakt zum MDR entstand. Ich habe sofort gedacht: Ja, das passt punktgenau. Weil diese Aufgabe relevant und hochpolitisch ist. Ich will es auch nicht überhöhen, aber es geht darum, wie die Medien die tragende Rolle ausfüllen, die sie haben sollten, wie sie die Mitte der Gesellschaft stärken können. Gerade weil die Öffentlich-Rechtlichen ja durchaus angegriffen werden, habe ich gedacht: Ich möchte genau hierhin.
Nun sickert die Entwicklung aus den USA auch hier ein. Die Erhöhung der Rundfunkgebühr ist an Einwänden aus Sachsen-Anhalt gescheitert. Bei der Wahl dort könnte die AfD stärkste Partei werden. Das gäbe noch mehr Gegenwind für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Die Ablehnung der Beitragserhöhung hat mich tatsächlich überrascht. Die Schärfe der Kritik, die es punktuell gibt, die kannte ich. Der müssen wir uns schlicht stellen, das gehört dazu. Wir sind verpflichtet, Rechenschaft abzulegen, uns Diskussionen zu stellen und sowieso das bestmögliche Programm zu machen, innovativ, effizient und sparsam zu sein. Ich habe keine Angst vor sachlicher Kritik. Wir stehen nicht über den Dingen. 
Sie haben in einem Interview gesagt: „Eine aufregendere Rolle gibt es nicht“ – das nehme ich Ihnen nicht ganz ab. Ihr Job bedeutet viel Verwaltung, wenig öffentliche Präsenz. Ein Programmdirektor sitzt nicht in Talkshows.
In Talkshows zu gehen ist ja nicht das einzig Aufregende. Das können Sie mir schon abnehmen.: Programm zu gestalten ist enorm kreativ. Das hat mit verschiedenen Medienformen und deren Zusammenspiel zu tun. Das ist eine auch politisch spannende Welt. Natürlich ist das manchmal bürokratisch. Verträge sind wichtig, Personalfragen, Produktionsaufträge. Ich denke hin und wieder, dass es echt schneller gehen könnte. Aber die Rolle ist vielseitig, anstrengend, eine Freude.
Sie trauern dem Print-Journalismus noch nicht nach?
Nein, ich trauere New York nach, aber das tue ich immer, wenn ich dort weggehe. Ich habe dort gern gelebt. Und so schön Leipzig ist, und es ist wirklich zauberhaft, die New-York-Liebe vergeht nicht. Dem Print-Journalismus trauere ich keine Sekunde nach.
Wie haben Sie die Rückkehr nach Deutschland erlebt, hat sich unser Land verändert? 
Aus der Ferne habe ich Deutschland in der ersten Corona-Zeit als sehr viel schlagkräftiger, solidarischer und im strategischen Sinne klüger wahrgenommen, als ich es dann aus der Nähe gespürt habe. Mein Gefühl war im Frühjahr 2020, in New York mitten im Katastrophengebiet zu sein und dann in das ganz diszipliniert-solidarische Deutschland zu kommen. Und dieses Bild ist brüchiger. Das hat mich wirklich überrascht.
Wie geht es eigentlich mit dem MDR-„Tatort“ weiter? Ermittelt Nora Tschirner künftig allein?
Ich würde Ihnen gern etwas Konkretes sagen. Aber das ist schlicht noch nicht geklärt, wie genau es in Weimar weitergeht. Krimis aus Thüringen allerdings werden wir auf jeden Fall weiterhin machen. (Mark-Christian Von Busse)
Neues Team: Der Krimi „An der Saale hellem Strande“ mit den Kommissaren Henry Koitzsch (Peter Kurth, links) und Michael Lehmann (Peter Schneider) läuft am Sonntag im Ersten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.