Nur elf Punkte für Jamie-Lee

Deutschland Schlusslicht beim ESC: Unser Blick auf Gewinner und Verlierer

Die deutsche Kandidatin Jamie-Lee Kriewitz landet mit „Ghost“ auf Platz 26 und ist somit das Schlusslicht. Die strahlende Siegerin kommt aus der Ukraine: Jamala überzeugte mit ihrem Song „1944“ Jury und Publikum. Wir haben den ESC-Abend in Stockholm zusammengefasst.

Gewinner des Abends

Mit insgesamt 534 Punkten und nur 23 Punkten Vorsprung zur Zweitplatzierten entschied die Ukrainerin Jamala den Wettbewerb für sich. In „1944“ - einer Ballade mit Elektro-Elementen - beschreibt sie die Vertreibung ihrer Minderheit unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Im Vorfeld sorgte der Song für Zündstoff, er wurde als Kritik an Russlands Krim-Annexion 2014 verstanden. Doch Jamala beteuert, in dem Lied lediglich ihre Familiengeschichte zu beschreiben.

Fazit: Ernstes Thema verpackt in moderne Elektro-Beats – das kommt in Europa anscheinend gut an. Wir fanden den Song so mittelmäßig. Das bestätigt auch die deutsche Jury – bestehend aus Namika, Sarah Connor, Anna Loos sowie Alec Völkel und Sascha Vollmer von The BossHoss –, die für „1944“ lediglich sechs Punkte vergab. Auch das deutsche Publikum sah Jamala mit sieben Punkten eher im Mittelfeld.

Lange sah es so aus, als würde das außereuropäische Gastland Australien das Rennen machen. Doch zum Schluss reichte es für Dami Im mit der Powerballade „Sound Of Silence“ nur für Platz zwei. Der ESC hat schon seit vielen Jahre eine große Anhängerschaft in Australien und darf seit 2015 antreten.

Rang drei belegte Russland mit Sergej Lasarew („You Are The Only One“), der zuvor als Favorit gehandelt worden war. Vermutlich sorgte seine Bühnenshow mit aufwendigen Video- und Lichteffekten für viele Anrufe. Vom deutschen Publikum bekam er für seinen Auftritt sogar zwölf Punkte.

Verlierer des Abends

Lange Gesichter und Verständnislosigkeit bei Kommentator Peter Urban und in den sozialen Netzwerken: Trotz eines überzeugenden Auftritts – Jamie-Lee Kriewitz stach mit ihrem blauen fantasievollen Manga-Outfit mit Kopfschmuck und mystischem Waldbühnenbild aus den 26 Teilnehmern heraus - war Deutschland mit nur elf Punkten deutlich das Schlusslicht im Wettbewerb. Die Buchmacher sollten also Recht behalten. Obwohl die 16.000 Zuschauer in der Halle bei ihrem Song „Ghost“ Stimmung machten – diese kam anscheinend bei den Jurys und beim Publikum vor den Bildschirmen nicht an. „Ich war sehr zufrieden mit meinem Auftritt und ich glaube, ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte die 18-Jährige nach dem Elf-Punkte-Debakel. Sie erhofft sich von dem Auftritt internationale Bekanntheit. Ob das geklappt hat? Die Siegerin der Castingshow „The Voice of Germany“ versuchte sich jedenfalls ihre Enttäuschung nicht ansehen zu lassen.

Jamie-Lee reiht sich damit in eine lange Liste erfolgloser deutscher Teilnehmer ein: Erst im vergangenen Jahr landete Ann Sophie mit „Black Smoke“ in Wien mit null Punkten auf dem letzten Platz (zusammen mit Österreich). Im Jahr 2008 holte die Castingband No Angels mit „Disappear“ in Belgrad nur 14 Punkte und landete auf Rang 23. 2005 erreichte Gracia mit „Run & Hide“ in Kiew nur vier Punkte und war somit das Schlusslicht beim ESC.

Überraschung des Abends

Wie kam das denn zustande? Nach der Jury-Wertung lag Polen mit Michał Szpak („Colour Of Your Life“) mit sieben Punkten auf Rang 25 – und damit nur einen Platz vor Schlusslicht Deutschland. Doch die Zuschauer verteilten stolze 222 Punkte an den Polen mit der roten Zirkus-Direktor-Uniform. Von Rang 25 auf den achten Platz – in dem Moment zeigte sich, wie sich das neue Voting-System auf den Spannungsfaktor auswirkt. Denn in diesem Jahr war die Punkteverkündung von Jurys und Publikum erstmals getrennt: Zuerst wurden per Schalte in alle 42 Länder die Jurystimmen abgefragt. Dann verlasen die Moderatoren die Zuschauervoten vom Schlechtesten bis zum Besten.

Humorvolles Gastgeberland

Eines muss man den Schweden lassen: Humor haben sie. Herrlich selbstironisch führten der Vorjahressieger Måns Zelmerlöw und die Komikerin Petra Mede durch die ESC-Show. Höhepunkt war der Klischee-Grand-Prix-Siegerhit „Love Love Peace Peace“, in dem die beiden amüsant erklärten, was einen gelungenen ESC-Song ausmacht. Dabei zogen sie auch allerhand frühere Teilnehmer und Sieger durch den Kakao. Wirklich schade, dass dieser Song nicht zur Wahl stand.

Fazit

Beim 61. ESC gab es kaum musikalische Überraschungen – außer vielleicht die Indie-Rock-Band Young Georgian Lolita aus Georgien (immerhin Platz 20!). Bulgarien (Poli Genova mit „If Love Was A Crime“, 4. Platz), Belgien (Laura Tesoro mit „What's The Pressure“, 10. Platz) und Spanien (Barei mit „Say Yay!“, Platz 22) versuchten es mit durchaus tanzbaren Pop-Nummern. Auch die Songs des Niederländers Douwe Bob ("Slow Down", 11. Platz) und des Schweden Frans („If I Were Sorry“, 5. Platz) blieben noch nach ihrem Erklingen im Ohr. Warum sich am Ende die Ukraine durchsetzte, ist uns auch ein Tag nach der Entscheidung ein Rätsel.

Vielleicht sollte Jan Böhmermann nächstes Jahr einen Kandidaten beim ESC einschleusen. (mit dpa)

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.