"In dieser Parallelwelt gab es es kein Gewissen"

Filmtipp am Sonntag: Kasseler Regisseur zeigt Banker ohne Moral

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Die Zweifel wachsen: Bankberater Arno Breuer (Joachim Krol).

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite hat der Kasseler Regisseur Raymond Ley ein Dokudrama über die Finanzkrise gedreht. In dem HR-Film erfährt man, wie Banker Kunden für "alt und doof" hielten.

Die spektakuläre Lehman-Pleite 2008 hat nicht nur die Finanzbranche weltweit in eine Krise gestürzt, sie hat sich bis hin zu kleinen Geldanlegern bei örtlichen Sparkassen ausgewirkt. Der aus Kassel stammende Filmemacher Raymond Ley hat mit dem HR in „Lehman. Gier frisst Herz“ (Sonntag, 21.45 Uhr, ARD) ein Dokudrama zur Finanzkrise gedreht. Darin spielen Joachim Król, Mala Emde und der vom Kasseler Staatstheater bekannte Christian Ehrich.

Wie haben Sie Ihren Film konzipiert?

Raymond Ley: Wir wollten die Geschichte von unten nach oben erzählen – von einer Bank in Frankfurt bis hin zur Lehman-Zentrale in New York. Als Lehman 2007 in Schwierigkeiten geriet, hatte man gemerkt, dass man in Deutschland Kleinanleger besonders leicht über den Tisch ziehen kann. Dazu habe ich Interviews mit Geschädigten geführt, aber auch Lehman-Leute, Stadtkämmerer und Bankberater vor dem Mikro gehabt. Die Banker erklären erstaunlich offen, wie Mitarbeiter unter Druck gesetzt worden sind. Die Lehman-Pleite ist nur der Aufhänger, eigentlich ist es eine Geschichte über das Ende des Vertrauens. Dass wir Bürger nicht über unser Geld reden wollten und das Management sogenannten Fachleuten überließen.

Gab es Hürden beim Dreh?

Ley: Wir mussten stets prüfen, was beweisbar ist, gerade auf der Ebene von Dresdner Bank, Citibank und Sparkasse. Dort wurden massiv Lehman-Zertifikate verkauft, von Bankberatern, die diese Papiere kaum durchschauten. Allein die Frankfurter Sparkasse verkaufte 5000 Zertifikate, Gesamtvolumen: 75 Millionen.

Was es schwierig an Jean-Claude Trichet, den damaligen Chef der Europäischen Zentralbank heranzukommen?

Ley: Nein, da hatte der HR einen Kontakt. Es ist ein toller Gesprächspartner. So wie er musste auch Peer Steinbrück dabei sein, damaliger Bundesfinanzminister.

Welcher Interviewpartner hat Sie am meisten beeindruckt?

Ley: Ich fand die Offenheit von Karl Dannenbaum, dem Geschäftsführer von Lehman-Deutschland bis 2007 sehr stark. Aber auch die anonym bleibenden Bankberater sind sehr wichtig. Da sticht ein Satz so raus: Im Verkauf ginge es darum, den Kunden so schnell über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet.

Was steht im Zentrum Ihres Films?

Ley: Ein fiktives Gastronomenpaar, das vom Bankberater zum Lehman-Zertifikat gedrängt wird, ein bisschen fahrlässig ist, und dann seine ganzen Ersparnisse verliert. Die Leute wollten damals maßlos Vertrauen haben. Das hilft Bankberatern enorm. Es gab ja sehr viel Gier, auch bei den Banken. Die wollten nicht nur Sparbücher verkaufen, sich nicht so provinziell fühlen, auch das hat eine Rolle gespielt. Aber: Wenn angeblich alle an allem verdienen, kann was nicht stimmen. Es muss einen Haken geben.

Stimmt es, dass Banken eine Kundenkategorie hatten a+d, alt und doof?

Ley:Ja, das gab es. Das haben sich die Geschädigten natürlich sehr genau gemerkt.

Was sind die anderen Handlungsstränge?

Ley: Es gibt junge Onlinebanker, die unter Druck stehen, Abschlüsse zu bringen, und es gibt die deutschen Lehman-Chefs. Durch diese drei Schauplätze wollen wir ein hohes Erzähltempo erzeugen. Aber wir legen den Fokus klar auf die Geschädigten.

Filme über Banker spielen oft mit den optischen Reizen der Hochhauskulisse. Auch das Banking mit all den Bildschirmen, der Hektik und den schnellen Deals wird als coole Sehnsuchtswelt inszeniert, auch wenn die Banker oft die Bösen sind. Was fasziniert uns daran?

Ley: Wir definieren es als Erfolg, wenn sich jemand in so einem Zusammenhang bewährt. Das ist natürlich eine mehr als fragliche Wertigkeit, die wir uns da geschaffen haben. Wir lassen es uns gern vorführen, wenn solche Leute gewissenslos agieren, wünschen aber, dass es ein bitteres Ende für die gibt. Wir lassen aber auch zu, dass diese Parallelwelt überhaupt existiert. Sie bleibt ein unerreichbares Fantasieland.

Was hat sich aus Ihrer Rechercheerfahrung seit der Krise verändert in der Bankenwelt?

Ley: Peer Steinbrück erinnert im Film daran, dass die Banken sofort eine Rettung durch den Staat gefordert haben. Ein halbes Jahr später, als Lehman längst aussortiert war, hatte man schon wieder dickes Selbstvertrauen. Dass die Staaten die Deregulierung zurückgefahren haben, hat eigentlich zu keinem weitergehenden Ergebnis geführt. So sagt Trichet am Ende ja auch, es droht die Wiederholung.

Gab es eine Erkenntnis, die für Sie überraschend war?

Ley: So stark zu merken, dass es in dieser Parallelwelt kein Gewissen gibt. Dass man sich kein bisschen ums Gemeinwesen kümmert, sondern nur um den persönlichen Gewinn. Die Abwesenheit von Moral hat mich dann doch überrascht.

Zur Person

Raymond Ley (59) ist Autor und Regisseur. Er wurde in Kassel geboren, wo er Film studierte. Filmauswahl: „Eichmanns Ende“, „Eine mörderische Entscheidung“, „Eschede Zug 884“, „Meine Tochter Anne Frank“, "Tatort" und „Letzte Ausfahrt Gera“. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin.

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