ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Das sagt der Kasseler Regisseur Raymond Ley über seinen Kieler „Tatort“

Sie sucht Schutz: Julia Heidhäuser (Mala Emde, Mitte) bei den Kieler Kommissaren Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Foto:  ndr

Ein ebenso brisantes wie aktuelles politisches Thema verarbeitet der Kieler „Tatort: Borowski und das verlorene Mädchen“.

Es geht um eine Schülerin, die zum Islam konvertiert und sich dem IS anschließen will. Der aus Kassel stammende Regisseur Raymond Ley hat für diesen Film aus seinem Stamm-Genre Dokudrama ins Krimifach gewechselt.

Warum schließt sich ein junges Mädchen dem radikalen Islam an, was ist daran so verführerisch?

Raymond Ley: Die unglaubliche Struktur, die dort zu erwarten ist - aber eine vergiftete Verführung: Man unterwirft sich komplett einem Weltbild - erhält aber vom Umfeld sofort positive Reaktionen. Durch Unterwerfung scheinen auf einmal viele Dinge geklärt, wird der Alltag übersichtlich. Es ist ein starker Moment, aus diesem liberalen, weltlichen Leben - wo Du jeden Tag so viel entscheiden musst - auszusteigen in eine Welt, die scheinbar Festigkeit verspricht. Sehr trügerisch.

Im Film hört man als Gedankenstimme einen Brief, den Julia schreibt, ihr Vermächtnis. Da merkt man, dass das, was sie sucht, nicht unbedingt etwas Islamisches ist. Vieles könnte auch anderswo gestillt werden. Ein Versäumnis der säkularen Gesellschaft?

Ley: Sicher. Julias Sinn-Suche hat etwas sehr Jugendliches in ihrer Vereinfachung. Sie will anders sein, ein Unikat, sagt Sachen wie „Eure Farben sind nicht meine Farben“. Es ist ja immer so, dass der junge revolutionäre Geist in seinem ersten Überschwang im Glauben ist, er sei im Besitz der Wahrheit und könne alles mit einfachen Formeln lösen. Mir war wichtig, dass man Julia versteht. Also, warum sie so irregeleitet ist und anfällig für falsche Wege.

Krimihandlung und das Porträt über das Mädchen laufen parallel. Wie kommen beide Geschichten zu ihrem Recht?

Ley: Das war schwierig. Denn die Gefühle dieses Mädchens, deren Überlegungen, so irre die auch sein mögen, ihr Leben neu auszurichten, ziehen mehr an als ein Mord im Schülermilieu. Wir haben beide Geschichten austariert - so dass nun Krimi und Drama einander hoffentlich befeuern.

Sie haben vorab ein Videotagebuch erstellt für Julia. Welche Funktion hat das?

Ley: Wir haben einen Tag vor offiziellem Drehbeginn Hauptdarstellerin Mala Emde den Schleier angezogen und sind mit ihr samt Kamera durch Kiel gezogen. Zum Schulhof, an die Bushaltestelle. So entstanden erste Bilder. Ich mag es, so etwas auszuprobieren - ohne großes Team. Zu diesen Szenen hört man im Film nun ihr Vermächtnis im Off, welches ich ihr aber erst während des Drehs geschrieben habe. Ich konnte Mala Emde abends kurzfristig neue Texte mitgeben, die wir dann zwei Tage gedreht haben. Auch Mala hat sehr mit ihrer Figur gerungen.

Wie haben Sie das Thema Islamisierung recherchiert?

Ley: Wir haben mit der Redaktion von „Panorama“ gearbeitet und ich bin nochmal alles mit einem afghanischen Kollegen durchgegangen, damit im Film richtig gebetet wird, es keine Versprecher gibt, das Glaubensbekenntnis Schahada richtig ist, auch der Schwur auf den IS. Ich finde es wichtig, dass wir hier nicht nur Behauptungen aufstellen.

Was haben Sie beim Dreh erlebt?

Ley: Wir hatten die Moschee in einem Gewerbegebiet aufgebaut, eines Tages war das Schild abgehängt, dann wurde uns gesagt, es ist eine Vorsichtsmaßnahme, weil in der Gegend so viele Rechte leben. Dann hatten wir wiederum syrische Flüchtlinge als Komparsen, die in einer Szene „Gott ist groß“ rufen sollten, als ein Salafist in der Moschee Propaganda macht. Das war nicht nur für sie ganz seltsam.

Wie war für Sie der Wechsel vom Dokudrama, Ihrer Spezialität, ins Krimifach?

Ley: Ich finde den Sprung nicht allzu groß. Der Spielfilmcharakter meiner Arbeiten war schon immer hoch. Bei „Meine Tochter Anna Frank“- auch mit Mala Emde - hatten wir viel weniger Drehtage, das war für mich eine größere Herausforderung. Die Erwartungen an das Format „Tatort“ sind aber enorm, das war für mich das Besondere.

Wie war die Arbeit mit Axel Milberg und Sibel Kekilli, die die Kommissare Klaus Borowski und Sarah Brandt spielen?

Ley: Für Axel Milberg war es ein großes Anliegen, das Thema zu bearbeiten. Beide haben sich stark eingebracht. Wir haben sogar improvisiert, etwa in einer Szene, als Borowski vom Schrecken des IS erzählt. Das war Milberg ganz wichtig, dann leuchten seine Augen, selbst bei einem Nachtdreh um vier Uhr früh.

Raymond Ley

Zur Person: Raymond Ley (58) ist Autor und Regisseur aus Kassel, wo er Film studierte. Filmauswahl: „Die Nacht der großen Flut“, „Eine mörderische Entscheidung“ , „Meine Tochter Anne Frank“. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.

Eine Kritik steht am Sonntagabend auf www.hna.de/kultur

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