Er starb mit 77

Erinnerungen an Götz George: Ein Malocher mit Wut und Herz

Als „Tatort"-Kommissar Schimanski ist Götz George unsterblich. Nicht nur deswegen macht der Tod des Schauspielers tief betroffen. Wir erinnern ganz persönlich an den großen Charakterdarsteller.

Götz George war bereits am 19. Juni mit 77 Jahren in Hamburg nach kurzer Krankheit gestorben, wie erst am Sonntag bekannt wurde. Vorigen Mittwoch wurde er in Hamburg still und leise beerdigt.

Am Deutschen Theater Göttingen: Ende der 50er-Jahre mit Adolf Roland (rechts) in Thomas Wolfes „Herrenhaus“. Repro: nh

Aus dieser Kraft und körperlichen Präsenz, die Götz George auszeichnete, das Zarte herauszuholen, ganz fein und subtil spielen zu können - das hat mich am meisten beeindruckt. Besonders natürlich, weil genau das das Böse seiner Figuren akzentuiert hat. Es waren oft unheimliche, fiese Persönlichkeiten, die zu spielen der Charakterdarsteller die Aufgabe hatte. Serienmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“ (1995), einen Frauenmörder in „Der Sandmann“ (1995), KZ-Arzt Josef Mengele in „Nichts als die Wahrheit“ (1999). Mit solchen Rollenporträts jagte George sicher nicht nur mir die Schauer über den Rücken.

Die Sensibilität war ein wichtiger Teil von ihm. Grandios auch das facettenreiche Porträt des Reporters Hermann Willié in der Satire „Schtonk“ (1997). Wenn Götz George nicht spielte, merkte man ihm oft an, wie verletzlich, gar empfindlich er war. Das war für die, die mit ihm professionell zu tun hatten, nicht einfach. Mir rückte dieser Schauspiel-Gigant genau dadurch nah, dass er so offen mit seiner Dünnhäutigkeit umging.

Glückliches Paar kurz nach der Hochzeit: Mit der Schauspielerin Loni von Friedl war Götz George von 1966 bis 1976 verheiratet.

Vielleicht feierten meine beste Freundin und ich in unserer Oberstufenzeit in den 80ern auch deshalb seinen Schimanski-Parka. Ich traute mich nicht, beneidete sie aber um das graue, lappige Ding, das sie quasi nie auszog - eine Emotions-Rüstung und Stärke-Simulation für die oft unsicheren Teenager, die wir damals waren.

Bettina Fraschke 

Schimpfender Schimanski 

Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen, aber früher war Götz George für mich so etwas wie heute Til Schweiger. Ich verstand ihn nicht, weil er ständig so nuschelte. Und als „Tatort“-Kommissar Schimanski sagte er auch noch so oft „Scheiße“, dass sein Kollege Thanner (Eberhard Feik) die Kraftausdrücke per Strichliste zählte.

Ich musste mir Götz George darum hart erarbeiten. Ich schaute alte „Tatort“-Wiederholungen, in denen sich Schimmi durch Duisburg prügelte. Er war der Anti-Derrick, ein Malocher, der gegen die Verbrecher in Nadelstreifen und für eine gerechtere Welt kämpfte.

Feik ist schon lange tot, das Ruhrgebiet von damals gibt es auch nicht mehr. Und nun ist George alias Schimanski gestorben. Was für eine Scheiße.

Matthias Lohr 

Der Schatten des Vaters 

Zu meinen eindrücklichsten Filmerinnerungen zählt der Nazi-Durchhaltestreifen „Kolberg“ (1945) mit Heinrich George - so glänzend gemacht wie gruselig. Die Ähnlichkeit zu Götz George war frappierend: die physische Präsenz, das körperbetonte Spiel, das hektisch-atemlose Sprechen. Heinrich George, auch er ein sensibler Kraftkerl, hat seinem jüngeren Sohn das Talent vererbt, aber auch Hypotheken mitgegeben: den Vergleich mit dem Vater, dessen Verstrickung mit dem Nazi-Regime.

Nach 1933 hatte sich George mit den braunen Machthabern arrangiert, in Propagandafilmen wie „Jud Süß“ und „Hitlerjunge Quex“ mitgewirkt. Er starb, erst 52-jährig, im Herbst 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen. Götz George hat diese Last getragen - „War ich so gut wie Vater?“, fragte der Zwölfjährige seine Mutter Berta Drews, als er erstmals auf der Bühne stand -, und er hat sich mit ihr auseinandergesetzt. 2013 zeichnete er in einem berührenden Dokudrama mit Regisseur Joachim A. Lang das widersprüchliche Leben Heinrich Georges nach. Der sei ihm Vorbild, Freund und Ansporn gewesen. „Du hast mich halt immer überholt. Du warst halt immer besser, besessener“, sagte der Sohn. In den Augen seiner Generation hat er gleichgezogen.

Mark-Christian von Busse 

Zeit am Theater in Göttingen 

Götz George kam 1958 auf Anraten seiner Mutter an das Deutsche Theater in Göttingen, das damals von Intendant Heinz Hilpert geleitet wurde. Als Ensemble-Mitglied blieb er bis 1963 in der Universitätsstadt. In dieser Zeit spielte er etwa den Robert in Thomas Wolfes „Herrenhaus“ und den Gerhard im historischen Drama „Die Uhr schlägt eins“ von Carl Zuckmayer, in dem Hilpert Regie führte. (bsc)

Zur Person 

Geboren: 23. Juli 1938 in Berlin.

Eltern: Heinrich George und Berta Drews - beide sind bekannte Schauspieler.

Ehen: Von 1966 bis 1976 mit der Schauspielerin Loni von Friedl, mit der er eine Tochter hat. 2014 heiratete er Marika Ullrich.

Bekannteste Rolle: „Tatort“-Ermittler Horst Schimanski in Duisburg (29 Folgen und zwei Kinofilme von 1981 bis 1991). 1997 bis 2013 gab es eine Fortsetzung als Serie „Schimanski“.

Letzte Rolle: 2015 stand George letztmals für das Krimidrama „Böse Wetter“ vor der Kamera. Darin spielt er einen Bergbau-Baron. Die ARD zeigt den Film im Oktober. (tla)

Reaktionen 

Armin Mueller-Stahl (Schauspieler): „Der Beste, den wir hatten.“

Hannelore Kraft (SPD, Ministerpräsidentin von NRW): „Mit Schimanski hat er ein Stück NRW-Geschichte geschrieben.“

Tom Buhrow (WDR-Intendant): „Götz George war ein Gigant des deutschen Films. Was immer er auch machte, es war nie egal. Es hat immer bewegt. Und es wird immer bleiben.“

Sebastian Fiedler (Bund Deutscher Kriminalbeamter): „George erschuf einen Kriminalbeamten, der es mit Vorschriften nicht so genau nahm, aber mit Leib und Seele auf Verbrecherjagd ging. Gefühlt war er immer einer von uns. “

Twitter-Nutzer @DerWachsame: „‚Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße!‘ würde Schimanski jetzt sagen.“ (dpa/tla)

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