Im Fernsehen fahren nur die Deppen Rad - die Zeiten sollten bald vorbei sein

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Axel Prahl radelt durch Münster, macht mit seinem „Tatort“-Kollegen Jan Josef Liefers aber macht Werbung für Autos.

Wenn in Fernsehfilmen jemand Rad fährt, ist es meist ein Witzbold wie "Tatort"-Kommissar Thiel. Dabei sollten auch die Coolen umsatteln. Radfahrer brauchen positive Vorbilder.

Im vorletzten Kölner „Tatort“ erhielt Assistent Tobias von seinem Chef Freddy Schenk einen Rüffel. In der Folge „Benutzt“ kam er mit einem schicken Fixie ins Büro, lehnte sein spartanisches Eingangrad an den Schreibtisch, ohne dass es jemanden hätte stören können. Aber Kommissar Schenk blaffte ihn an: „Jetzt räum das Scheißfahrrad hier weg.“

Sie lassen den Stau links liegen: TV-Moderator Frank Elstner (von links) fuhr schon 1971 mit dem Rad zur Arbeit bei Radio Luxemburg.

Radfahrer kennen das Gefühl, angeschnauzt zu werden, aus dem Straßenverkehr. Trotzdem war man froh, endlich einmal einen Zweiradfreund im TV gesehen zu haben. Früher fuhren in Fernsehfilmen nur Deppen und Witzfiguren Rad. Im Münster-„Tatort“ etwa radelt Ermittler Frank Thiel über das Kopfsteinpflaster. Aber wenn es ernst wird, ruft er seinen kiffenden Vater, der ihn mit dem Taxi zur Leiche fährt. Und im echten Leben machen die Münster-Stars Axel Prahl und Jan Josef Liefers Werbung für eine Automarke.

Die coolen TV-Helden steigen ohnehin lieber in ihren teuren SUV. Man muss sich also nicht wundern, wenn die Deutschen selbst in überfüllten Städten nicht vom Auto aufs Rad umsatteln. Es fehlt an positiven Vorbildern.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder und Jugendliche ein doppelt so hohes Risiko haben, mit dem Rauchen anzufangen, wenn sie Filme sehen, in denen oft gequalmt wird. Womöglich gibt es bald eine Studie, die belegt, dass fiktionales Fernsehen aus den Zuschauern Autoraser macht, weil Radler im TV nicht vorkommen.

Joseph Gordon-Levitt ist im Kinofilm „Premium Rush“ (2012) als Radkurier und Action-Held in New York unterwegs.

Immerhin hat das Rad als Statussymbol aufgeholt. Es wird zwar nicht geradelt auf dem Bildschirm, aber überall stehen Fixies rum. Selbst der altmodische Münchner „Tatort“-Ermittler Franz Leitmayr hat nun ein puristisches Rad im Flur stehen. Im Zweiten schob Kommissarin Heller ihr Rennrad durchs sommerliche Wiesbaden. Und vorigen Montag entdeckten ZDF-Zuschauer im Wohnzimmer des Privatermittlers Dengler ein Rennrad, das über der Couch hing.

Ein schönes Rad ist ja nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Mode-Accessoire. Deshalb sieht man in Anzeigen des Autoherstellers Seat neben der Limousine auch eine Rennmaschine stehen.

Es ist darum an der Zeit für eine Radler-Serie – etwa eine Adaption des US-Action-Films „Premium Rush“, in dem Joseph Gordon-Levitt als Radkurier die New Yorker Autofahrer sehr alt aussehen lässt. Schon John F. Kennedy wusste ja: „Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren.“ Liebe Drehbuchautoren: Lasst den BMW in der Garage – aus Freude am Fahren.

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