Interview: Der Kasseler Filmemacher Raymond Ley zeigt „Tod einer Kadettin“ - ARD, 20.15 Uhr

„Mobbing gibt es an vielen Orten“

Skepsis: Lilly Borchert (Maria Dragus) beobachtet die anderen Kadetten auf dem Bundeswehr-Schulschiff. Foto: ndr

Die 18-jährige Marineoffiziers-Anwärterin Jenny Böken fällt 2008 über die Reling des Segelschulschiffs Gorch Fock, bei der Nachtwache vor Norderney. Bis heute ist die Todesursache nicht geklärt. Die Bundeswehr hat die Untersuchungen eingestellt, obwohl es Ungereimtheiten gibt, etwa, dass die Tote kaum Wasser in der Lunge hatte. Das könnte bedeuten, dass sie schon beim Fallen tot war. Im Spielfilm „Tod einer Kadettin“ des aus Kassel stammenden Regisseurs Raymond Ley geht die Kadettin Lilly Borchert (Maria Dragus) mit Ehrgeiz und körperlichen Schwächen an Bord. Und wird bei den Kameraden unbeliebter, bis hin zum Mobbing.

Wie ist es Ihnen bei der Recherche ergangen?

Raymond Ley: Sehr erstaunt, beim Entwickeln des Stoffs, hat meine Frau Hannah und mich die Empathielosigkeit der Kadetten. Die polizeilichen Vernehmungsprotokolle zeigten, wie herablassend diese über ihre tote Kameradin sprachen. Sie habe mit ihrer Art genervt, übermotiviert sei sie gewesen. Die hatten das Gefühl, sie müssen eine Schwächere mitschleppen. Da war der Vorfall erst Tage her.

Und die Führungsebene der Bundeswehr?

Ley: Weder die Stammmannschaft, die ehemaligen Kadetten der Gorch Fock, noch die Verteidigungsministerin wollten mit uns sprechen. Diese Diskussion mit den Medien nicht zu führen, ist eine politische Entscheidung. Offene konfrontative Pressearbeit sieht anders aus.

Wie haben Sie die inhaltlichen Schwerpunkte gesetzt?

Ley: Wir wollten durchaus eine sympathische Lilly zeigen, die aber auch schwierig sein kann in ihrer besserwisserischen Art, zudem mit einem Unwillen, sich dem Drill und dem Gruppendruck an Bord anzupassen, aber nicht als Super-Nerd, den man verachtet.

Sie zeigen, dass Lilly auch Kameraden wegstößt, die eigentlich nett zu ihr sind – bis die das dann bleibenlassen. Dieses Verhalten wundert natürlich.

Ley: Ja, Lilly erlebt auch positive Begegnungen. Nur kommt sie aus ihrer Rolle in der Gruppe irgendwann nicht mehr raus. Ich war froh, dass wir so tolle Darsteller als Kadetten hatten, zum Teil direkt von der Schauspielschule. Und natürlich Maria Dragus als Lilly, die eine glänzende Vorstellung abliefert.

Auch in Ihrem Kieler „Tatort“ über ein Mädchen, das sich dem IS anschließt, geht es um das Erwachsenwerden einer jungen Frau, um Ansprüche, Träume – und auch um das Scheitern. Lilly will beweisen, dass sie die schwierige Ausbildung auf dem Schiff schafft, sie ist dem Ganzen aber überhaupt nicht gewachsen.

Ley: Wir wollten zeigen, mit welchem Schwung sie in ihr Leben hineingeht: Sie will bei der Bundeswehr Medizin studieren. Sie hat die Grundausbildung wohl völlig falsch eingeschätzt. Die Mutter von Jenny Böken erklärt es so: Das Kind war auf der Gesamtschule, dort wurde es zum Widerspruch erzogen. Und dann trifft sie auf eine Ordnung an Bord, die Widerspruch erst einmal nicht positiv belegt –eine schwierige Konstellation.

Aber man hat sie an Bord gelassen, obwohl schon klar war, dass sie körperlich nicht fit ist.

Ley: Man feierte bei dieser Tour das 50-jährige Bestehen des Segelschulschiffs, da gab es viel öffentliche Aufmerksamkeit und dafür wollte man mehr Frauen an Bord haben.

Über die Unfallursache können Sie nur spekulieren.

Ley: Wir hätten auf Mord „spielen“ können. Dramaturgisch ware dies einfacher gewesen, Aber wir haben endgültige Beweise nicht gefunden – auch nicht für einen Freitod oder ein tragisches Unglück. Und so haben wir die verschiedenen Varianten filmisch gegeneinander gestellt.

Wie haben Sie selbst den Dreh auf See erlebt?

Ley: Wir waren auf einem polnischen Schiff und sind extra nachts um halb zwei aufgestanden, wie zur berüchtigten Hundswache der Rekruten. Wir hatten zwar ruhiges Wetter, als drehten wir auf dem Wannsee. Aber wenn man dann auf Jennys Position backbord steht, selbst bei nur Windstärke vier, habe ich höchsten Respekt bekommen.

Wie lang waren Sie draußen?

Ley: Vier Tage, und das war mir wichtig für die Stimmung in der Gruppe, dass wir nicht abends zurückgefahren sind. Nach dem Dreh im Hotel an der Bar versacken – so verstehe ich nicht das Filmemachen.

Wie bekommen Sie von der konkreten Story aus einen Dreh ins Allgemeine?

Ley: Mobbingstrukturen gibt es an vielen Orten, auch die Hürden des Erwachsenwerdens werden viele Menschen kennen, Selbstüberschätzung, Unterwerfung, Gruppendruck, es gibt hoffentlich einige Momente, die die Zuschauer wiedererkennen, wo sie sich erinnern, wie sie mal eine Position in einer Gruppe hatten und sich nicht mehr daraus lösen konnten.

Wie war die Begegnung mit Familie Böken?

Ley: Schwierig. Bei den Bökens hat sich nach Jennys Tod ein Schicksalsschlag an den anderen gereiht. Ich habe das Gefühl, dass sie sehr aufgerieben sind. Die Marine hält durch ihr Schweigen ihre extreme Nervosität und ihr Misstrauen in Gang. Denn natürlich ist der Tod eines Kindes nie zu verkraften.

Von Bettina Fraschke

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