Für Masochisten

Filmkritik zu „Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe“

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Darf sich reichlich auf ihre Unterlippe beißen – damit auch der Letzte versteht, wie verführerisch Mr. Christian Grey (Jamie Dornan, re.) auf Anastasia Steele (Dakota Johnson) wirkt.

Man muss sich das mal vorstellen: 100 Millionen Mal entschlossen sich Leser weltweit dazu, „Fifty Shades of Grey“ zu kaufen. Allen negativen Kritiken zum Trotz. Die Begeisterung für die Trilogie sagt viel aus über unsere westliche Gesellschaft.

Die heute startende Verfilmung von Band zwei noch mehr. Prüder könnte ein Erotikfilm nicht sein. Wobei, „Erotikfilm“ – was für ein unpassender Begriff für diese Schmonzette, bei der man sich fühlt, als werde man genötigt, 40 Folgen Telenovela nacheinander anzuschauen. Kaum kommt ein Problem auf (Ärger mit dem Chef, stalkende Ex, Flugzeugabsturz), findet Supermann Mr. Grey die passende Lösung. Nur in einem Punkt werden der Milliardär und die Lektorin immer wieder ausgebremst: in ihren unterschiedlichen sexuellen Neigungen.

Das sind die heimlichen Fantasien, über die sich niemand getraut zu sprechen? Die Beziehung zwischen Anastasia (Dakota Johnson) und Christian (Jamie Dornan) ödet einen schon beim Zusehen an – kein Wunder, dass sich der durchtrainierte Langweiler ein Spielzimmer eingerichtet hat, um zumindest irgendeine interessante Seite an sich zu haben. Das der erste Eindruck. Aber nein, in Wahrheit ist er ein traumatisiertes Missbrauchsopfer – das sich durch Gewalt an Frauen an seiner Mutter rächt. Es verwundert nicht, dass aus der SM-Szene massive Kritik an dieser küchenpsychologischen Deutung der Lust an Sadomaso-Praktiken kam.

Nimmt man sich einen solchen „Skandalroman“ zur Verfilmung vor, dann sollte man auch den Mut haben, die Blümchentapete herunterzureißen. James Foley traut sich das nicht. Er inszeniert hier eine Romanze mit grotesk wirkenden Thriller-Elementen, in der der Sex nur als durchschaubares Mittel zum Zweck dient: nackte Haut zum Wachwerden der vor sich hin dösenden Kinobesucher.

Millionen haben das Buch gelesen. In dem Verlangen nach einem Werk, das geheime Fantasien bedient. Millionen werden auch die Verfilmung sehen. Dabei haben Literatur- und Filmwelt doch viel Raffinierteres zu bieten als diese unfreiwillig in Parodie abdriftende Melange aus modernem Märchen, verruchter Maskenball-Atmosphäre und jugendfreier Leidenschaft. Kramen Sie „Pretty Woman“ aus Ihrer DVD-Sammlung! Lesen Sie Schnitzlers „Traumnovelle“! Tun Sie Kim Basinger, die sich für „Fifty Shades“ als SM-Königin hergegeben hat, den Gefallen und schauen sich „9 1/2 Wochen“ an! Doch sparen Sie sich diesen vor Geschlechterklischees strotzenden, ideenlos inszenierten, von kitschiger Musik unterlegten Pseudo-Tabubruch. Was hat sich Foley, von dem wir mit „House of Cards“ doch viel Abgründigeres gewohnt sind, dabei gedacht?

Katja Kraft

„Fifty Shades of Grey – Gefährliche Liebe“

mit Dakota Johnson

Regie: James Foley

Laufzeit: 118 Minuten

Unerträglich (;;;;

Eine angemessenere Auseinandersetzung mit dem Thema SM bietet das Drama „SM Richter“.

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