Mars an Erde

Filmkritik zu „Den Sternen so nah“

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Verliebte im Konfettiregen: Tulsa (Britt Robertson) und ihr Marsmännchen Gardner (Asa Butterfield).

Der Brite Peter Chelsom hat viel Potenzial, kostet es aber nur selten aus. Kitsch, Naivität und Klischees funken mitunter dazwischen. Romantische Zufälle, wahre Liebe, wahres Glück, wahre Selbsterkenntnis. Das ist oft ein bisschen zu viel.

Wenn das Ganze allerdings mit Humor und einer Liebe zu Außenseitern und Gescheiterten unterfüttert wird, kann Chelsom durchaus bewegen – wie in dem Teenager-Drama „The Mighty“ von 1998.

In seinem neuen Werk „Den Sternen so nah“ zieht Chelsom wieder alle Register seiner Kunst. Die Geschichte ist so verrückt wie originell, so dämlich wie lustig, so romantisch wie kitschig. Der 16-jährige Gardner (Asa Butterfield) ist ein Marsmensch. Er kennt nur das Leben auf dem roten Planeten. Seine Mutter, eine Astronautin, brachte ihn dort zur Welt, verstarb aber bei der Geburt. Gardner wuchs ausschließlich unter Raumfahrern auf und war noch nie auf der Erde. Dort allerdings lebt angeblich sein Vater – und den würde Gardner gerne treffen. In einem Chatroom lernt der Marsjunge Tulsa (Britt Robertson) kennen. Sie ist so ziemlich das Gegenteil von Gardner. Er ist überbehütet, sie durch und durch vernachlässigt. Tulsa gilt als aufsässig und lebt bei ihrem Pflegevater, einem Alkoholiker. Sie ahnt freilich nicht, dass ihr Online-Freund auf dem Mars lebt, sondern glaubt seinen Erzählungen, er leide an der Glasknochenkrankheit und wohne in New York. Mit 16 allerdings darf Gardner endlich zur Stippvisite auf die Erde. Gemeinsam mit Tulsa erlebt er eine traumhafte Zeit. Doch seine Organe verkraften die Atmosphäre nicht.

Trotz der gspinnerten Geschichte entpuppt sich das Jugenddrama in vielen Momenten als intelligent. In wuchtigen Bildern und mit majestätischen Sounds entwirft Chelsom die Metapher eines gigantischen Lebenshungers. Der Himmel, das Meer, der Highway – dazu der Weltraum und Gardners große runde Augen, mit denen er vom Raumschiff aus die Erde anstarrt wie ein veritables Weltwunder, was sie ja schließlich auch ist. Obwohl er immer wieder haarscharf am Kitsch vorbeidriftet, gelingt es dem Regisseur, einen Nerv zu treffen. Er erzählt von der Sehnsucht des Menschen, dazuzugehören und endlich selbstbestimmt zu leben. Das gilt für Gardner ebenso wie für Tulsa. Auf einem ausgelassenen Roadtrip durch den US-amerikanischen Westen geben sie einander Kraft.

Natürlich bemüht „Den Sternen so nah“ immer wieder altbekannte Bilder. So fliehen die Jugendlichen im klapprigen Doppeldecker-Flugzeug in einen azurblauen Himmel. Dann knacken sie ein Auto und genießen bei offenem Fenster die freiheitlichen Weiten der US-Highways. Das stört nicht weiter. Doch dann wird es ärgerlich: Kurz bevor sie sich verlieben, wechseln Tulsa und Gardner noch schnell die Klamotten, damit das Mädchen auch aussieht wie ein Mädchen und der Junge nicht wie ein Nerd. Das ist schade, denn so verkommt das Außenseiterthema zur bloßen Staffage. Hätten Chelsom und sein Drehbuchautor Allan Loeb etwas mehr gewagt, könnte der Film richtig Spaß machen. Die Schauspieler jedenfalls sind gut. Neben dem routinierten Gary Oldman fallen vor allem die Jungdarsteller positiv auf.

Katrin Hildebrand

„Den Sternen so nah“

mit Asa Butterfield, Gary Oldman Regie: Peter Chelsom

Laufzeit: 121 Minuten

Annehmbar (((;;

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „The Mighty“ mochten.

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