Bernd Hölscher in "Der Hauptmann"

"Dieser Film ist schmerzhaft": Kasseler Schauspieler jetzt im Kino zu sehen

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"Auch das Töten muss seine Ordnung haben": Szene mit Bernd Hölscher im Film "Der Hauptmann".

Im Kinofilm "Der Hauptmann" spielt Bernd Hölscher, Ensemblemitglied am Kasseler Staatstheater, eine tragende Rolle. Im Interview erzählt er von den Dreharbeiten.  

Der Film „Der Hauptmann“ von Robert Schwentke („R.E.D.“, „Die Bestimmung“), der diese Woche in die Kinos kommt, basiert auf der Geschichte von Willi Herold (1926-1946). Er fand kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs am Straßenrand die Uniform eines Hauptmanns und gab sich nun als Offizier aus. Einige Soldaten schlossen sich ihm an, in einem Gefangenenlager im Emsland beging die „Kampfgruppe Herold“ schlimmste Kriegsverbrechen. Den Lagerleiter, den SA-Hauptmann Schütte, spielt der Kasseler Schauspieler Bernd Hölscher.

Was für eine Figur ist dieser Lagerleiter, der Hauptmann Schütte?

Bernd Hölscher: Ich spiele nicht „den“ Hauptmann Herold, sondern einen SA-Hauptmann, der wirklich diesen Rang im Regime innehat. Er hat die Leitung eines Gefangenenlagers im Emsland für Deserteure, Plünderer – also Deutsche, die festgehalten wurden. Und dort taucht am Ende des Krieges, die Front rückt immer näher, Willi Herold als falscher Hauptmann auf. Schütte hat den Befehl, keinen Gefangenen an die Alliierten fallen zu lassen. Er wartet ständig auf ein Standgericht, und dann kommt da dieser junge Heißsporn, der sagt, er sei direkt dem Führer unterstellt, und die Devise ausgibt: Dann müssen wir das jetzt anpacken. Schütte, im realen Leben Hausmeister, ist eher einfach gestrickt. Wir haben immer Witze gemacht: Er ist der einzige Idealist unserer Produktion.

Wieso das denn?

Bernd Hölscher

Hölscher: Das Fünkchen Wahrheit daran ist: In dem Film kommen ganz viele vor, die ihre Haut retten wollen oder für ihren eigenen Vorteil handeln. Schütte ist ein wirklich überzeugter Nationalsozialist. Und wie aus der größten Angst die größte Gewalt entsteht, so auch aus übersteigertem Idealismus. Aber als Herold anfängt rumzuwüten, geht er dazwischen. Das ist wirklich Deutsch: Auch das Töten muss seine Ordnung haben. Es muss alles seinen geregelten Gang gehen. Aber dann mache ich dabei auch mit.

So eine Figur in dieser Zeit scheint heute weit weg. Wie schwer ist das, sich in solche Rolle hineinzudenken, und was macht das mit einem, wenn man plötzlich so eine SA-Uniform trägt?

Hölscher: Weit weg? Das finde ich nicht. Man muss gar nicht weit gucken, wo aus Idealismus gemordet wird. Es stimmt natürlich, dass der Abstand zu diesem historischen Fall groß ist. Aber er ist auch näher, als wir uns das beim Drehen gedacht haben. Und klar macht das sehr was mit einem. Wir sind einen Monat jeden Morgen bei Sonnenaufgang zu diesem Lager bei Wroclaw gefahren und waren da 14 Stunden mit diesem Haarschnitt und dieser Uniform. Man geht plötzlich anders, das hat auch mit den Stiefeln zu tun. Und merkt sofort: „Kleider machen Leute“ ist keine literarische Erfindung, das ist wirklich so. Das ist ja auch eine Köpenickiade. Wir waren immer dankbar, wenn uns nach dem Drehtag abends mit einem heißen Tuch der Tag aus dem Gesicht gewischt wurde.

Das ist ja generell die Aufgabe und auch das Privileg des Schauspielers, in andere Rollen zu schlüpfen, auch Gefühlsextreme auszuprobieren und durchzuspielen. Haben Sie das bei den Dreharbeiten anders erlebt als auf der Bühne? Ist das ein Unterschied?

Hölscher: Der Unterschied besteht in den vielen langen Wartezeiten beim Drehen. Da muss man gucken, dass man drin bleibt. Man sucht ja in sich danach: Was könnte mich zu so etwas bringen? Bei so einem überzeugten NS-Hauptmann muss man Gottseidank tief danach graben, bis man etwas findet. Aber ich kann mir doch auch vorstellen, vor allem seit ich ein Kind habe, wie ich zum Mörder werden könnte. Selbst die Kamera kann nicht entscheiden, woher die Wut kommt in meinem Gesicht. Die hole ich mir natürlich nicht aus einem Hass auf Deserteure, sondern aus einem echten Hass, den ich mir irgendwie bauen muss. Da musste ich bei dieser Rolle graben, graben, graben… Und eigentlich muss man viel kleiner spielen vor der Kamera. Wenn ich denke, ich spiele gar nicht, nur ein Gedanke ändert sich, sieht man das auf der Leinwand eben trotzdem.

Wie schwierig ist das für Sie, zwischen der Bühne in Kassel und Dreharbeiten zu wechseln? Was verlangt das?

Hölscher: Das ist eher gut, dass man im Spiel drin ist. Die Film-Kollegen sind ja auch alle Theaterleute. Das ist schon eine verwandtschaftliche Tätigkeit. Anders ist nur die Größe, mit der man es aufzieht, oder die Coolness, mit der man nur denkt und gar nicht viel macht. Aber da hatte ich tolle Kollegen, die viel Erfahrung haben, zwischen Theater und Film zu switchen, und die mich schnell ins Boot genommen haben. Die kann man sich als Neuling schon auf die erfahreneren verlassen.

Was war für Sie der Reiz, sich auf diese Produktion einzulassen?

Hölscher: Wenn jemand anruft und sagt, Robert Schwentke interessiert sich für Dich, für eine große Rolle - und er hat macht nach vielen Jahren Hollywood wieder einen Film in Deutschland - das ist schon Reiz genug. Und dann war das Buch auch noch so toll und die Rolle anspruchsvoll. Und wer da alles an meiner Seite spielen würde… Dann ist aus der Freude Panik geworden.

Aber vor Ort war das eine kollegiale und gute Zusammenarbeit?

Hölscher: Das war tatsächlich ein Fest. Das haben mir aber auch Frederick Lau und Alexander Fehling am Set gesagt: Das ist jetzt für Dich was Besonderes, das ist aber auch für uns etwas Besonderes. Robert Schwentke hatte da wirklich ein Händchen. Man kommt an seinem ersten bezahlten Drehtag dahin, trifft zum Beispiel Milan Peschel, es gibt 180 Statisten, eine Crew von 60 Leuten drumherum. Da ist man natürlich sehr aufgeregt. Aber den Zahn haben mir die schnell gezogen, und am zweiten Tag bin ich dahin und habe gesagt: Na, dann last uns mal arbeiten.

Wie kommt so ein Engagement zustande? Über Ihre Agentur?

Hölscher: Das habe ich Hubertus Meyer-Burckhardt zu verdanken, dem Moderator und Produzenten…

Mit Kasseler Wurzeln…

Hölscher: Genau. Der hat mich öfter mal im Theater gesehen und seiner Frau immer wieder gesagt: Den müsste ich mal besetzen. Und dann hat sie gesagt: Nicht nur reden, dann musst das doch auch mal tun. Dann hat er mich bei der Casterin Anja Dihrberg so herzlich empfohlen, dass die mich angeguckt hat. Das hat sie überzeugt. Drei Wochen danach hatte ich meinen ersten Drehtag.

Wie konnten Sie sich trotz Ihrer Zugehörigkeit zum Kasseler Ensemble dafür Zeit freischaufeln? War das in der Sommerpause?

Hölscher: Überhaupt nicht. Da bin ich Thomas Bockelmann sehr dankbar, der mir das ermöglicht hat. Ich habe ihm sicher diese Chance und diese Größenordnung eindringlich geschildert. Dann wurde ich aus einer Produktion rausgenommen, bei einer anderen gab es eine Doppelbesetzung. Überall, wo ich das erzähle, was mein Intendant für mich auf sich genommen hat, sehe ich nur ungläubige Gesichter in der Filmbranche. Das war etwas ganz Besonderes.

Hat er nicht Angst gehabt, dass Sie Feuer fangen und für den Fernseh- und Kinofilm abspenstig gemacht werden?

Hölscher: Nein, er wünscht uns allen wirklich jeden Erfolg. Vielleicht denkt er ja auch, dass der eine oder andere, der mich im Kino gesehen hat, auch ins Theater läuft.

Der Film hat eine prominente Karriere gemacht: Weltpremiere in Toronto, Europapremiere beim renommierten Festival in San Sebastian, Eröffnungsfilm beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken. Wie viel haben Sie von der Resonanz mitbekommen?

Hölscher: San Sebastian brennt für dieses Festival. Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Wir wurden mit Fahrern hingefahren, man steigt aus, die Leute johlen „Bernd, Bernd, come here“, man schreibt zehn Minuten Autogramme. Und ich hatte den Film selbst noch gar nicht gesehen. In Saarbrücken waren die Reaktionen sehr heftig und kontrovers. Denn ist ja ein Täterfilm, aus der Perspektive eines Täters. Da ist die Befragung dessen, was man gesehen hat, sicher noch kritischer. Ob zum Beispiel die Gewalt sein muss, wenn Deserteure mit der Flak erschossen werden. Das fanden einige absurd. Das ist aber alles aus der realen Geschichte belegt. Das denke ich auch oft auf der Bühne: Man kann sich fast nichts ausdenken, was die Realität nicht irgendwie toppen würde. Die Leute sagen: Das ist doch unrealistisch. Und ich denke: Aber guckt euch doch mal in der Welt um.

Wie finden Sie den Film?

Hölscher: Der ist schon schmerzhaft. Verstörend. Auf einem schmalen Grat, mit grotesken Momenten. Aber die kleinen Lacher verstummen sofort wieder. Es ist auch nicht die reine Freude, wenn man sich selbst sieht. Aber ich finde den Film wichtig und gut. Und ich bin happy, dass alles so gelaufen ist.

Zur Person: Bernd Hölscher (46, geboren in Münster, aufgewachsen in der Eifel) studierte Germanistik und Geschichte und besuchte die Freiburger Schauspielschule. Feste Engagements in Stuttgart, Mannheim, Detmold, Braunschweig, Dortmund, Rostock. Seit Beginn der Spielzeit 2010/11 ist er Ensemblemitglied am Staatstheater in Kassel, wo er mit Freundin und Tochter lebt.

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