Debatte um ARD und ZDF

HR-Intendant Krupp über Sparzwänge: „Wir sind am Limit angekommen“

Manfred Krupp

Als neuer Intendant des Hessischen Rundfunks (HR) hat Manfred Krupp keine leichte Aufgabe.

Die öffentlich-rechtliche Anstalt schreibt tiefrote Zahlen und hat, wie Kritiker monieren, zu viele Mitarbeiter sowie zu wenige Perlen im oft biederen Programm. Wir sprachen mit dem 60-Jährigen in Kassel.

Herr Krupp, Sie kennen den HR seit Jahrzehnten aus dem Eff-Eff. Sie müssten also schon länger wissen, welche Projekte Sie nun angehen müssen. 

Manfred Krupp: Nicht unbedingt. Diejenigen, die mich gewählt haben, haben gesagt: „Wir haben so viele Probleme. Wir wollen nicht jemanden, der alles auf den Kopf stellt.“ Trotzdem muss man neue Perspektiven entwickeln. In den linearen Produkten, also im klassischen Fernsehen und Radio, sind wir ganz gut aufgestellt. Das wird über viele Jahre unser Hauptstandbein bleiben. Im nichtlinearen Bereich, also bei den Mediatheken und im Netz, sind wir nicht so gut aufgestellt. Das müssen wir ändern, wenn wir neue Zielgruppen erreichen wollen.

Für 2015 hatten Sie einen Verlust von 62,6 Millionen Euro angepeilt. Wie läuft es 2016? 

Krupp: Wir werden merklich besser liegen. 2016 werden wir die schwarze Null schreiben. Meinen Vorgänger Helmut Reitze hat es sehr getroffen, dass ihn die FAZ mit dem Attribut „Pleitier“ verabschiedet hat. Er hat nämlich viele Sparrunden mit ganz bitteren Entscheidungen vollzogen. Es hat sich bereits viel getan. In vielen Bereichen sind wir am Limit angekommen.

Müssen Sie nicht auch alte Sachen aufgeben? 

Krupp: Wir haben schon sehr viel aufgegeben. Gerade wurde ich gefragt, wann wir wieder so etwas wie „Der Blaue Bock“ machen. Wir waren mal der Unterhaltungssender in der ARD. Heute haben wir im Ersten keine Unterhaltungssendung mehr. Das Portfolio in der ARD mit Programmen wie EinsFestival werden wir auf Dauer nicht halten können. Wir werden reduzieren müssen.

Brauchen wir denn sechs Radiosender vom HR? 

Krupp: Wir müssen uns fragen, was wir erreichen, wenn wir eine Welle aufgeben. HR2 und HR-Info erreichen bei weitem nicht so viele Hörer wie die Populärwellen. Aber sie sind Kern unseres Auftrags, Dinge zu machen, die sich sonst am Markt nicht durchsetzen würden. Wenn wir diese Sender aufgeben würden, gäbe es einen Riesenaufschrei. Für HR3 haben wir es durchgerechnet: Eine Einstellung würde uns mehr kosten als nutzen, weil es massive Einbußen bei der Werbung gäbe. Darum strukturieren wir intern um.

Wie sieht das konkret aus? 

Krupp: You FM und HR3 etwa haben nun eine einheitliche Programmleitung. Zudem müssen wir die Produktion weiter optimieren. Bei der Kommunalwahl haben wir in vielen Orten keinen Ü-Wagen mit drei Leuten mehr hingestellt, sondern Schalten mit dem iPhone gemacht. Da sehe ich ein größeres Einsparpotenzial als bei der Frage, wie viel Hörfunkwellen wir haben.

Sonntagabends zeigt das HR-Fernsehen fast vier Stunden lang Gameshows wie „Das große Hessenquiz“. Dokus werden im Nachtprogramm versteckt. Ist das noch ausgewogen? 

Krupp: Der Sonntagabend ist bei uns eine der besten Strecken. Hier verlieren wir von einer Sendung zur nächsten weniger Zuschauer als anderswo. Am Ende dieser Quizstrecke kommt ein Dokumentarfilm. Überraschenderweise schalten den in der Nacht zu Montag mehr Menschen ein als am Dienstag um 23.30 Uhr.

Wozu brauchen Sie noch große Studios wie in Kassel, das einst auch gebaut wurde, um das Image des HR in Nordhessen zu verbessern? 

Krupp: Alle Regionalstudios außer Kassel sind heute nur noch Büros, weil man für Radio nur noch einen Laptop braucht. Mit Kassel ist es anders. Wir haben den Anspruch, ganz Hessen abzubilden. HR4 in Kassel ist ein klares Bekenntnis zum Standort. Das Fernsehproduktionsstudio haben wir geschlossen, weil wir eine immense Summe in neue HD-Technik hätten investieren müssen. Mittlerweile bekommen wir übrigens häufig Kritik aus Mittelhessen und dem Odenwald, wo man meint, wir würden dort nicht so stark vertreten sein wie in Kassel.

Man könnte durch Fusionen auch die Zahl der Rundfunkanstalten senken. 

Krupp: Ich glaube, dass diese Diskussion so lang geführt wird, wie die Fusionen nicht stattfinden werden. Als Intendant muss ich den HR unverzichtbar für Hessen machen. Deshalb haben wir uns so konsequent auf Hessen ausgerichtet. Das kann kein anderer Anbieter. Es gibt nur wenige Institutionen, die das Kunstgebilde Hessen zusammenhalten – eine ist der HR. Das ist unsere Existenzberechtigung. Wir sind umgeben von größeren Sendern: NDR, WDR, MDR, SWR und BR. Egal, wo der HR unterkommen würde, er würde untergehen.

Manfred Krupp (60) steht seit März an der Spitze des Hessischen Rundfunks. Der Nachfolger von Helmut Reitze ist ein HR-Gewächs: 1984 hatte er dort seine Laufbahn mit einem Volontariat begonnen. Zuvor hatte Krupp, der Politik, Soziologie und öffentliches Recht in Marburg und Gießen studierte, als Studiengangplaner an der Gesamthochschule Kassel gearbeitet. 2005 wurde er Fernsehdirektor, seit 2011 war er stellvertretender Intendant. Er liebt klassische Musik und ist Fan von Eintracht Frankfurt. Der verheiratete Vater zweier Töchter stammt aus Troisdorf, wuchs in Neuwied auf und lebt in Frankfurt.

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