„Borcherts Fall“ – ARD, 20.15 Uhr

Interview mit Schauspieler Christian Kohlund: „Korruption ist alltäglich“

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Feinde, damals wie heute: Geschäftsmann Matthias Duplessis (Richard van Weyden, links) und Jurist Thomas Borchert (Christian Kohlund) geraten mehrmals aneinander, nachdem Borchert vor der deutschen Polizei nach Zürich geflüchtet ist.

Wir sprachen mit dem Schauspieler Christian Kohlund über seine Rolle als zwielichtiger, wortkarger Advokat im Zürich-Krimi "Borcherts Fall."

Herr Kohlund, Sie spielen einen undurchschaubaren Charakter: Thomas Borchert ist Jurist, in einen Bestechungsskandal verwickelt und vor der Polizei nach Zürich geflohen. Ist er ein schlechter Mensch? 

Kohlund: Früher war er ein Idealist mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, ist aber durch eine private Tragödie vom Weg abgekommen. Er hat sich korrumpieren lassen, es aber nicht gemerkt. Aus Bestechungsgeldern wurden Provisionszahlungen. Der Wunsch nach Gerechtigkeit scheint auf seine alten Tage aber wieder zurückzukehren. Er brennt noch für diesen Idealismus, anderen Menschen zum Recht zu verhelfen. Er will reinen Tisch machen, lässt sich aber nicht ans Bein pissen.

Es dreht sich im Zürich-Krimi viel um Korruption, Intrigen und zwielichtige Charaktere. Ist das ein realistisches Gesellschaftsbild? 

Kohlund: Korruption frisst sich in die Gesellschaft rein. Sie untergräbt die Ethik und die letzte Moral der Menschen. Man sieht das inzwischen als selbstverständlich an, zum Beispiel in Italien durch die Mafia. Im Grunde geht es doch immer nur um Profitoptimierung.

Bestechungen, Skandale und Schmiergeldzahlungen sind also alltäglich? 

Kohlund: Ja, weil man es verkennt. Leute kommen in den höheren Firmen-Etagen ins Rutschen, und dann ist plötzlich alles ganz selbstverständlich: Aus Schmiergeldern werden Provisionen. Wenn ich diese Provision nicht zahle, kriege ich den Auftrag nicht. Und dann muss ich wieder 300 Leute entlassen. Das sind ja die Argumente, die man auch von großen deutschen Firmen kennt. Ich kenne privat viele, die auf diesem Weg waren und das selbst nicht gemerkt haben. Korruption ist alltäglich und wird wahrscheinlich nie verschwinden.

Borchert ist kein Mann der vielen Worte. Was sind die Schwierigkeiten eines Schauspielers bei so einer Rolle? 

Kohlund: Das kann ich gar nicht so genau sagen. Meine Tochter meinte jedenfalls, ich sei sehr gut in der Rolle (lacht). Aber er ist natürlich eine eher spröde Figur. Borchert beobachtet viel, reagiert oft schweizerisch langsam, denkt viel nach. Das ist für einen Schauspieler jedenfalls interessanter, als den Strahlemann zu spielen.

Ursprünglich sollte der erste Teil schon letztes Jahr ausgestrahlt werden. Warum wurde das verschoben? 

Kohlund: Am Ende des ersten Teils bleiben einfach sehr viele Fragen offen. Wir waren uns einig, dass man die Geschichte direkt weitererzählen muss. Und das haben die Verantwortlichen des Senders auch so gesehen. Deswegen werden die beiden Folgen zeitnah hintereinander gezeigt.

Sie sind inzwischen 65, allein zehn Jahre standen Sie für das „Traumhotel“ vor der Kamera. Denken Sie an den Ruhestand? 

Kohlund: Nein, das kommt für mich überhaupt nicht infrage. Ich will arbeiten, ich muss arbeiten, es macht mir immer noch Spaß. Ich werde noch ein bisschen weitermachen. Im Fernsehen und auf der Theaterbühne.

Zur Person

Christian Kohlund (65) ist Schweizer, geboren 1950 in Basel. Bekannt wurde er unter anderem mit der ARD-Serie „Traumhotel“, in der er zehn Jahre den Hotel-Chef Markus Winter spielte. Er stand bereits an der Seite von Maximilian Schell und Heinz Rühmann vor der Kamera, hinter der Kamera war er als Produzent und Regisseur aktiv. Kohlund wuchs in Zürich auf und lebt derzeit in München. Seit 1982 ist er in dritter Ehe mit der ehemaligen Sängerin Elke Best verheiratet, mit der er zwei Kinder hat.

Der zweite Teil: „Borcherts Abrechnung“ kommt am kommenden Donnerstag, 5. Mai, um 20.15 Uhr in der ARD. Der erste Teil läuft am heutigen Donnerstag, um 10.15 Uhr in der ARD. 

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