Interview: Schauspieler Simon Schwarz über Dokudrama „Der Traum von Olympia“

Vom Verlierer zum Kommandanten des olympischen Dorfes 1936 in Berlin: Simon Schwarz als Wolfgang Fürstner, der sich wenige Tage nach den Spielen erschoss, nachdem bekannt geworden war, dass er jüdische Vorfahren hatte. Fotos: wdr/dpa

Mit dem olympischen Dorf 1936 in Berlin beeindruckte Nazi-Deutschland selbst die Amerikaner. Als „eines der sieben Weltwunder" bezeichnete ein US-Sportler das Dorf, als die Spiele im August vor 80 Jahren begannen.

Verantwortlich dafür war der Kommandant Wolfgang Fürstner, dessen bislang kaum bekannte Geschichte das ARD-Dokudrama „Der Traum von Olympia" erzählt.

Als herauskam, dass der Wehrmachtsoffizier jüdische Vorfahren hatte, wurde er degradiert - drei Tage nach den Spielen erschoss er sich. Wir sprachen mit Simon Schwarz, der Fürstner in dem Film von Mira Thiel und Florian Huber spielt, während Sandra von Ruffin (Tochter von Vicky Leandros) als jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann zu sehen ist.

Herr Schwarz, war Ihnen die Geschichte von Wolfgang Fürstner bislang bekannt? 

Simon Schwarz: Nein, die hatte niemand auf dem Schirm. Selbst die Historiker der Produktionsfirma Spiegel TV, die nach einem Anhaltspunkt für Olympia 1936 suchten, waren total von den Socken, als sie von ihm hörten. So eine Figur und ihre Entwicklung zu spielen, ist wie ein Sechser im Lotto: jemand, der an etwas glaubt, in dem System überzeugt mitmacht, dann zum Feindbild des Systems wird und schließlich keinen anderen Ausweg findet, als sich umzubringen.

Aber ist über die NS-Zeit filmisch nicht längst alles erzählt worden? 

Schwarz: Viele meiner Freunde sagen tatsächlich, sie könnten das alles nicht mehr hören. Aber vielleicht sind die Geschichten bislang nur falsch erzählt worden. Ich wüsste noch genug Geschichten - wie die von Fürstner, der sich als Soldat nach dem Ersten Weltkrieg als Verlierer fühlte und im Nationalsozialismus wieder jemand sein konnte. Heute, wo der europäische Gedanke zerfällt, ist das ganz ähnlich: Die Menschen haben Angst, Verlierer zu sein. Diese Angst müssen wir ernst nehmen. Sonst führt unser Weg dorthin, wo wir schon einmal waren. Auch darum ist das Thema des Films brandaktuell.

Was können wir von Olympia 1936 für die Sportereignisse von heute lernen, die oft in autoritären Systemen stattfinden? 

Schwarz: Sehr viel. Zum einen, dass sich nichts geändert hat. Die Funktionäre, die gegen Fürstner gekämpft haben, waren noch in den 60ern angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Etliche Funktionäre von heute sind nicht viel anders und denken nur daran, sich zu bereichern. Zudem sind Großveranstaltungen damals wie heute immer auch politische Veranstaltungen. Nie geht es in erster Linie um den Sport, sondern immer um Macht.

Bislang kennt man Sie vor allem aus Komödien. Worin liegt der Reiz eines Dokudramas? 

Schwarz: In diesem Fall fand ich die Erzählstruktur sehr interessant. Normalerweise hat man Originalbilder und gespielte Szenen, und darüber liegt eine ruhige Erzählerstimme. Dadurch hat man eine gewisse Distanz. In „Der Traum von Olympia“ gibt es hingegen eine Erzähllinie, in die man sich emotional extrem hineinziehen lassen kann. Ich spreche zum Beispiel direkt in die Kamera und den Zuschauer damit wie einen Verbündeten an, was die Theaterwissenschaftler das Durchbrechen der vierten Wand nennen.

Die Dialoge klingen allerdings ein wenig nach Volkshochschulseminar. Ist der Film zu didaktisch geworden? 

Schwarz: Die Gefahr besteht zumindest bei dieser Erzählweise, weil mehr historische Informationen vermittelt werden als in fiktionalen Filmen.

Bislang waren Sie einer der gefragtesten Nebendarsteller im heimischen Fernsehen und Kino. Ändert sich das nun? 

Schwarz: Das glaube ich nicht. Ich bin gern Nebendarsteller. Man muss sich das wie bei einer Fußballmannschaft vorstellen: Manche Rollen sind exponierter als andere, aber alle müssen gemeinsam an dem Projekt arbeiten. Nur dann wird es gut.

Sie waren bei den „Vorstadtweibern“, in der grandiosen Serie „Braunschlag“ und den Brenner-Verfilmungen nach Wolf Haas zu sehen. Wieso bringt das kleine Österreich eigentlich so tolle Produktionen hervor? 

Schwarz: Das hat etwas mit der Größe des Landes zu tun. Österreich hat nur etwa zehn Prozent der Einwohner von Deutschland. Wenn man dort einen Film fürs Fernsehen oder fürs Kino produziert, den nur 800 000 Menschen sehen, kann man ohnehin nie wirtschaftlich erfolgreich sein. Darum gibt es keinen Quotendruck in Österreich. Man muss nicht aufs Publikum schielen, sondern kann sich auf das Wesentliche konzentrieren und gute Geschichten erzählen.

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