„Jüdisch in Europa“, Arte

„Jüdisch in Europa“, Arte: Eine Geschichte voll tödlicher Gefahren

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Schriftstellerin Sasha Marianna spricht mit Alice Brauner (re.) und Yves Kugelmann. 

Arte zeigt eine zweiteilige Dokumentation über das jüdische Leben in Europa.

Am Ende des zweiteiligen Films streifen Alice Brauner und Yves Kugelmann durch Venedig. Das war die Stadt, in der wohl die älteste urbane jüdische Wohngegend in Europa, zugleich Namensgeber dieser Siedlungform, existierte, die jüdisches Leben vom Rest der Stadt absonderte. Das gewährte in manchen Fällen der jüdischen Bevölkerung einen gewissen Schutz, in vielen anderen bewirkte es das genaue Gegenteil.

Politisch markante Spannungsbögen des jüdischen Lebens

Die Geschichte der Juden in Europa ist kompliziert und war voller tödlicher Gefahren, und die Nazis und ihre Verbündeten versuchten im 20. Jahrhundert gar, dieser Geschichte ein grausames und blutiges Ende zu bereiten. Die mörderische Gründlichkeit und Skrupellosigkeit, mit der das geschah, spürt man fast überall auf der Welt, wo Juden leben, noch heute, zwei Generationen später. 

Alice Brauner und Yves Kugelmann sind mit der Frage durch Europa gereist, wie sich das jüdische Leben bis heute entwickelt hat und haben zusammen mit Christoph Weinert (Regie) daraus einen Film gemacht. Sie sind auf verwickelte Geschichten, auf bemerkenswerte Unterschiede zwischen Nachbarländern getroffen, haben erstaunliche Differenzen zwischen stärker religiös und stärker liberal geprägten sozialen Zusammenhängen herausgearbeitet, politisch markante Spannungsbögen des jüdischen Lebens und in den Gemeinden intensive Lebensfreude, Kultur- und Traditionsverbundenheit festgestellt. 

In aufgeklärteren Kreisen ist das Jüdische eine Religion, in weniger aufgeklärten –keineswegs nur in Nazi- und Rassisten-Zusammenhängen – wird das Jüdische zugleich wie eine ethnische Qualität gehandelt. Dieser Widerspruch, diese Verknüpfung ist irritierend, aber Fakt. Und nirgends in Europa hat sich jüdisches Leben gänzlich von der Prägung durch den Holocaust erholen können, das macht der Film bedrückend deutlich. Wie hätte das auch geschehen können? 

Jüdische Gastronomie ohne unmittelbar erkennbare religiöse Prägung

In so gut wie jeder jüdischen Familie in Europa gab es Holocaust-Opfer. Die Konstellation von Überlebenden und Ermordeten steht also am Anfang jeder europäisch-jüdischen Familiengeschichte. Dass es trotzdem jüdische Mitglieder der AfD gibt, versteht zum Beispiel Michael Friedman aus Frankfurt am Main nicht, was er klug zu kommentieren vermag. 

Aber Alice Brauner und Yves Kugelmann zeichnen keine düsteren Schreckensbilder. Sie haben keine vorgefertigten Vorstellungen von ihren Begegnungen, sie suchen. Sie sind neugierig und offen und fragen gern und viel. In Frankreich finden sie ein traditionsverbundenes jüdisches Leben vor, in Paris gut bewacht, in Marseille eingebunden in eine ungleich offenere urbane Situation. 

Ganz anders sieht die Sache in Berlin aus, wo Annette Kahane von ihrer Herkunfts-Familie, den Klemperers, erzählt und wo eine jüdische Gastronomie ohne unmittelbar erkennbare religiöse Prägung entstanden ist. In der jüdischen Gemeinde in Warschau ist der Holocaust noch präsent, was niemanden verwundern kann, in Frankfurt treffen die beiden Protagonisten, wie schon angedeutet, Michel Friedman, in Budapest die vor knapp zwei Monaten verstorbene Agnes Heller. Sie sprechen mit Rabbinern und sogar einer Rabbinerin, Schriftstellerinnen und Musikern und mit vielen Gemeindemitgliedern in mehreren Sprachen. 

Jüdisches Leben in Europa ist multinational, polyglott, traditionsbewusst und liberal. Die politische Situation jüdischer Gemeinden unter den in Europa erstarkenden national-populistischen Bewegungen und Parteiungen wird allenthalben thematisch, aber nie überbordend und vordergründig. So entsteht ein wunderbar widersprüchliches, enorm vielfältiges, geradezu wimmelig unterschiedsreiches Bild vom gegenwärtigen jüdischen Leben in Europa, das vor allem eine Qualität gemeinsam hat: die politische Wachheit, mit der die eigene soziale Umgebung beobachtet wird.

„Jüdisch in Europa“ Arte, 3.September, Teil 1: 22:45, Teil 2: 23:35. Im Netz: Arte +7

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