"Viele Nächte habe ich an der Korbacher Esso-Tankstelle verbracht"

Dieser heimische Kameramann macht Serien-Hits für ZDF und Netflix

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Wir alle können uns nicht vorstellen, wie viel Endorphine ausgeschüttet werden, wenn man mit so viel Geld hantiert: Investmentbanker Gabriel Fenger (rechts, Barry Atsma) in "Bad Banks". Demnächst dreht der Holländer den HR-"Tatort" in Kassel.

Die ZDF-Serie "Bad Banks" war bislang der Serienerfolg des TV-Jahres. Mitverantwortlich ist der Korbacher Kameramann Frank Lamm, dessen nächstes Projekt bei Netflix läuft.

Geld, Sucht und Verrat - das waren die Themen der ZDF-Serie "Bad Banks". Mit ihrem Sechsteiler über die Finanzwelt haben Regisseur Christian Schwochoch und der aus Korbach stammende Kameramann Frank Lamm einen Überraschungserfolg gelandet. Das Duo ist gut im Geschäft. Gerade haben die beiden die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz neu verfilmt. Und noch in diesem Jahr erscheint "Dogs of Berlin", die zweite deutsche Serie des Streamingdienstes Netflix, für die Lamm für die ersten vier Folgen hinter der Kamera stand. Wir sprachen mit dem 38 Jahre alten Grimme-Preisträger. 

"Bad Banks" ist bislang der Überraschungserfolg des TV-Jahres. In der ZDF-Mediathek gab es Rekordabrufzahlen, und die Kritiker überschlagen sich mit Lob. Wie sehr hat Sie der Erfolg überrascht?

Frank Lamm: Es hat uns gefreut, dass das so aufgenommen wurde. Schon bei der Arbeit hatten wir das Gefühl, etwas geschaffen zu haben, das die Zuschauer begeistern kann. "Bad Banks" passt gut zu den modernen Serien, die auf Netflix und Amazon laufen. Die Leute haben die Folgen vor allem in der Mediathek abgerufen, die für solche Formate das bessere Medium ist. Ich selbst schaue kein herkömmliches Fernsehen mehr. Ich weiß auch nicht, was unter der Woche im ZDF kommt.

Drehbuchautor Oliver Kienle sagte, er habe keine Geschichte über Banker geschrieben, sondern über Süchtige. Ist das das Erfolgsrezept der Serie?

Lamm: Das könnte sein. Es ging hier nicht darum, gierige Banker und den bösen Kapitalismus an den Pranger zu stellen. "Bad Banks" taucht tiefer in die Thematik ein und fragt: Warum passiert das überhaupt? Wenn man mit Investmentbankern redet, erfährt man, dass sie keine bestimmte politische Haltung vertreten. Sie bewegen sich quasi außerhalb gängiger Ideen von Moral. Richtig ist das, was Geld bringt. Ein junger Investmentbanker hat mir mal erzählt, mit was für unglaublichen Summen er Tag für Tag quasi wie in einem Casino hantieren konnte. Wir alle können uns nicht vorstellen, wie viel Endorphine dabei im Körper ausgeschüttet werden.

Frank Lamm beim Dreh zu "Deutschstunde".

Kritiker loben Ihre Kameraführung als "hochglanzmäßig". Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Lamm: Oft liest man über die graue Bankenwelt. Und wenn man an Banker denkt, hat man Männer vor Augen, die mit ihren Koffern an Fußgängerampeln stehen. Das ist langweilig. Ich dagegen wollte, dass sich die Sucht und das Adrenalingeschwängerte in den Bildern wiederfinden. "Bad Banks" sollte Rock'n'Roll sein. Ganz allgemein versuche ich, mit der Kamera das Richtige für die Geschichte zu tun. Die Bilder hängen also vom Drehbuch ab. Ein Kameramann sollte keinen festgelegten Stil haben. Ich finde es gut, wenn man immer wieder etwas Neues in meiner Arbeit entdecken kann, was zu der jeweiligen Geschichte passend ist. Das ist die Kunst.

Sie haben mit Christian Schwochow an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert und mit ihm unter anderem "Novemberkind", "Bornholmer Straße", "Paula", "Die Pfeiler der Macht" und einen Kieler "Tatort" gedreht. Haben Sie das gleiche Verständnis davon, wie ein Film aussehen soll?

Lamm: Wir legen beide großen Wert darauf, dass man sich nicht wiederholt. Insofern haben wir die gleiche Arbeitsweise. Das heißt aber nicht, dass wir das gleiche Verständnis davon hätten, wie ein Film aussehen sollte. Das fände ich schlimm.

In den vergangenen Jahren hieß es oft, Deutschland müsse endlich auch eine tolle Serie haben. Nun gibt es "Bad Banks", "4 Blocks" und "Babylon Berlin". Muss sich das deutsche Fernsehen noch hinter US-Produktionen verstecken?

Lamm: Nein, aber es kann nie genug dafür getan werden, die Qualität hochzuhalten. Wir hinken immer noch weit hinterher, was die Wertschätzung von guten Geschichten angeht. In den angelsächsischen Ländern wird sehr viel mehr Wert auf gute Autorenschaft gelegt. Das heißt nicht, dass wir schlechte Autoren haben. Aber es wird zu wenig dafür getan, dass eine Serie wirklich gut entwickelt ist. "Bad Banks" wurde mit gutem Geld von den Öffentlich-Rechtlichen produziert, aber im Vergleich zu internationalen Serien ist das nur ein Bruchteil.

Was hat sich durch Streaming-Anbieter wie Netflix und Amazon für Regisseure, Kameraleute und Schauspieler geändert?

Lamm: Netflix ist nicht nur ein neuer Marktteilnehmer mit großen finanziellen Gewicht. Er hat auch ein besonderes Image. Mit Christian Alvart habe ich die ersten vier Folgen von "Dogs of Berlin" gedreht, der zweiten deutschen Netflix-Serie, die dieses Jahr veröffentlicht wird. Wenn man das jemandem erzählt, staunt der andere: "Wow, der macht jetzt Netflix." Deutsche Privatsender produzieren ja keine hochwertigen Serien mehr. Es gibt praktisch nur noch ARD und ZDF. Darum ist es gut, dass es mit Netflix und Amazon noch jemanden gibt, der den Anspruch in die Höhe schraubt. Man kann sich jetzt nicht mehr verstecken hinter Sätzen wie: "Das ist doch für einen deutschen Film ganz gut." Heute wird alles mit internationalen Standards verglichen. Das ist positiv für uns, weil die eigene Arbeit besser wird.

Wie sieht ihr eigener Medienkonsum aus? Sind Sie nur noch bei Netflix und in Mediatheken unterwegs?

Lamm: Die meisten Sachen schaue ich bei iTunes, Netflix und Amazon. Ab und an finde ich noch etwas in der Mediathek. Ich schaue allerdings auch nur sehr selten deutsches Fernsehen. Das ist vielleicht zum großen Teil eine Gewohnheitssache. Einen Fernseher hatte ich zuletzt, als ich noch bei meinen Eltern in Korbach wohnte. Und wenn ich doch mal etwas im deutschen TV gesehen habe, war selten etwas dabei, das mir gefallen hat. Vielleicht hat es also doch etwas mit fehlender Qualität zu tun. Jahrelang haben sich die Verantwortlichen mit Quoten und Preisen für Dinge geschmückt, bei denen man denkt: Damit möchte ich nichts zu tun haben. Mit Mitte 20 habe ich auch Sonntagabendfilme für das ZDF gemacht, aber angucken tue ich mir das nicht. Ich höre ja auch nicht Roland Kaiser zu Hause.

Zwischenzeitlich lebten Sie in London. Nun sind Sie wieder in Berlin zu Hause. Könnte man es sich als Filmschaffender überhaupt leisten, woanders als in der Hauptstadt zu leben?

Lamm: Ich könnte überall wohnen. Oft überschätzt man, was so an Kontakten passiert. Das meiste passiert dann doch übers Telefon. Dafür könnte ich auch in München, Köln oder Korbach wohnen.

Welche Bedeutung hat Ihre Heimatstadt Korbach noch für Sie?

Lamm: Meine Eltern wohnen noch da. Und mit meinem Kumpel Lars Petersen, der ebenfalls Kameramann ist und aus Korbach stammt, unterhalte ich mich oft über die Stadt. Gerade war ich auf dem Hessentag. Wenn ich mir einen Drehort in meiner Heimatstadt aussuchen könnte, würde ich gern an der Esso-Tankstelle in der Frankenberger Landstraße filmen. Dort haben wir viele Abende und Nächte in unserer Jugend verbracht und über die Zukunft rumgesponnen. Auch eine Nachtschicht in den Continental-Werken wäre toll. Da habe ich in den Sommerferien oft gearbeitet.

Zur Person

Geboren: am 9. November 1979 in Bad Arolsen

Ausbildung: Abitur an den Alten Landesschule Korbach, Studium in Mainz (Mediendesign) und an der Filmakademie Baden-Württemberg (Bildgestaltung).

Wichtigste Produktionen: "Der Turm", "Bornholmer Straße", "Paula", "Bad Banks" sowie zwei "Tatort"-Folgen. Für "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" als Teil der Trilogie "NSU-Komplex - Mitten in Deutschland" gab es 2017 den Grimme-Preis.

Privates: Lebt mit seiner Frau und Tochter in Berlin.

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