Kameras immer näher an Leichen im ARD-"Tatort"

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Laut einer Studie werden Leichen immer genauer gezeigt

Münster - Der Mord ist das Herzstück jedes ARD-“Tatort“-Krimis - und die Macher zeigen die Fernseh-Leichen immer drastischer. Das ist das Ergebnis einer Studie an der Uni Münster.

Verwesung, entstellte Gesichter und Blutlachen seien in dem Krimiklassiker kein Tabu mehr, erklärte Kommunikationswissenschaftler Stephan Völlmicke im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er hat 82 “Tatort“-Folgen aus 40 Jahren untersucht. Ein Ergebnis: “Die Toten werden heute so intensiv und detailliert abgefilmt wie nie zuvor.“

Die Filmkameras zoomten näher heran und zeigten häufiger und länger Details der Leichen, sagte der Wissenschaftler. Verletzungen, Hämatome und sogar Verwesungserscheinungen sprängen dem Zuschauer in Form von kleinen Spezialeffekten ins Auge. “Früher wurden die Leichen zwar auch präsentiert, lagen aber meist im Hintergrund. Man hat selten das Gesicht gesehen und die Toten eher auf der Seite oder dem Rücken gezeigt“, sagte Völlmicke. Für den “Tatort“-Experten ist das ein Zeichen, dass sich “die filmische Distanz zu Leichen und zum Tod enorm verringert hat“.

Die Ermittler-Teams beim Tatort

MÜNCHEN (BR): Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Hauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) - 59 Fälle seit 1991. © dpa
LUDWIGSHAFEN (SWR): Kriminalhauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Kriminalhauptkommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) - 54 Fälle seit 1989. © dpa
KÖLN (WDR): Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts), Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) - 51 Fälle seit 1997. © dpa
WIEN (ORF): Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), seit kurzem mitder Assistentin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) - 26 Fälle seit 1999. © dpa
BERLIN (RBB): Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic, links) und Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) - 24 Fälle seit 2002. © dpa
BREMEN (RB): Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) - 24 Fälle seit 1997. © dpa
KONSTANZ/BODENSEE (SWR): Kriminalhauptkommissarin Klara Blum (Eva Mattes) und Kriminalkommissar Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) - 20 Fälle seit 2002. © dpa
MÜNSTER (WDR): Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl, links) und Rechtsmediziner Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) - 20 Fälle seit 2002. © dpa
HANNOVER/NIEDERSACHSEN (NDR): Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, linnks) vom LKA Niedersachsen - 18 Fälle seit 2002. © dpa
KIEL (NDR): - Kriminalhauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und Kommissarsanwärterin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) - 17 Fälle seit 2003. © dpa
LEIPZIG (MDR): Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke) - 11 Fälle seit 2008. © dpa
STUTTGART (SWR): Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller, rechts) und Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) - 9 Fälle seit 2008. © dpa
HAMBURG (NDR): Kriminalhauptkommissar Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), verdeckter Ermittler des LKA Hamburg - 4 Fälle seit 2008; er hört nach seinem sechsten Fall, der 2012 gesendet werden soll, auf. © dpa
FRANKFURT AM MAIN (HR): - Hauptkommissarin Conny Mey (Nina Kunzendorf) und Hauptkommissar Frank Steier (Joachim Król) - sie sind das neue Frankfurter “Tatort“-Team. Ihr erster und bislang einziger Krimi mit dem Titel “Eine bessere Welt“ wurde im Mai 2011 gezeigt. Sie haben damit Oberkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Hauptkommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) abgelöst, die seit 2002 in 18. Fällen ermittelten. © dpa
WIESBADEN/HESSEN (HR): - LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur) und seine Assistentin/Sekretärin/Vertraute Magda Wächter (Barbara Philipp) - der erste und bislang einzige Fall lief im November 2010, zum 40. Jubiläum der “Tatort“-Reihe. © dpa
SAARBRÜCKEN (SR): Ein ganz neues Team. Devid Striesow (M.) spielt ab Sommer 2012 Hauptkommissar Jens Stellbrink. Ihm zur Seite stehen Hauptkommissarin Lisa Marx (Elisabeth Brück) und KTU-Leiter Horst Jordan (Hartmut Volle). © ap
LUZERN (SF): - Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) ist der Protagonist des ersten Schweizer “Tatorts“ seit 2002. Flückiger war schon in Koproduktionen von SWR und SF an der Seite von Konstanz-Ermittlerin Klara Blum zu sehen - sein bislang einziger Fall “Wunschdenken“ lief im August 2011. © dpa
DORTMUND (WDR): - Oberkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) sowie die Kollegen Martina Bönisch (Anna Schudt, rechts), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (noch unbesetzt) - Dreharbeiten für den ersten Fall beginnen im März 2012, Ausstrahlung soll der kommende Herbst sein. © dpa
WEIMAR: Nora Tschirner und Christian Ulmen sollen in einer Art "Event"-Tatort nur einmal im Jahr ermitteln. © dpa

Das sei eine allgemeine, weit über die beliebteste deutsche Krimireihe hinausgreifende Entwicklung. “Der “Tatort“ war immer schon in vieler Hinsicht Spiegelbild der Gesellschaft. Die veränderte Lebenswelt der Zuschauer, speziell der Wandel im Umgang mit Sterben und Tod, haben vermutlich einen wesentlichen Einfluss auf die Todesdarstellungen im Fernsehen.“ Privat könnten viele Menschen den Anblick von Leichen nicht ertragen, schafften eine Distanz zum Tod. “In den Medien sind wir ihn immer mehr gewohnt.“

Sterben und Tod seien dadurch in der Gesellschaft zu etwas Profanerem geworden als es früher der Fall war, der Umgang damit sei oft nüchterner, erklärte der 35-Jährige die Entwicklung. Die Betrachtungsweise von Leichen im “Tatort“ sei dementsprechend heute häufig eine viel wissenschaftlichere. “Die Serie betrachtet den Tod immer öfter streng anatomisch“, sagte Völlmicke.

Immer mehr medizinische Fachbegriffe

Gerichtsmediziner seien nicht nur selbstverständlich Teil des Teams, sondern ermittelten oft sogar mit - wie Professor Boerne (gespielt von Jan-Josef Liefers) im beliebten Münster-“Tatort“. “Der tote Mensch liefert Spuren für den Ermittler, die ihm helfen, den Täter zu finden. Das hat es früher in dem Umfang nicht gegeben“, sagte Kommunikationswissenschaftler Völlmicke. Entsprechend haben in die Gespräche von Boerne und Co. dem Forscher zufolge seit den 90er Jahren immer mehr medizinische Fachbegriffe Einzug gehalten.

Von den viel drastischeren Todesdarstellungen in US-Serien wie der erfolgreichen “CSI“-Reihe sei der deutsche Krimi aber noch weit entfernt. “Bis der Zuschauer sieht, wie ein Pathologe regelmäßig im “Tatort“ eine Bauchdecke aufklappt, wird es noch dauern“, meinte Völlmicke.

dpa

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