Ein mit Seide ausgestatteter Kriegsschauplatz

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Chéri ist Michelle Pfeiffers langjähriger Liebhaber im gleichnamigen Film.

Junger Spund liebt reife Dame: Das Thema reizte schon Regisseure von Buñuel über Fassbinder bis Fellini und sorgt sogar heute noch für Schlagzeilen in der Klatschpresse.

Im Paris der Belle Époche aber galt eine solche Liaison als veritabler Skandal. Sogar in der Welt der Kurtisanen, in der Stephen Frears „Chéri“ angesiedelt ist. Der britische Regisseur, seit „Gefährliche Liebschaften“ erwiesenermaßen ein Könner, wenn es darum geht, messerscharfen Sarkasmus im eleganten Kostümfilm unterzubringen, hat sich diesmal einen Roman der französischen Schriftstellerin Colette vorgeknöpft.

Bilder von Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten

Bilder von Chéri - Eine Komödie der Eitelkeiten

Den Trailer zum Film sehen Sie hier.

Ein Interview mit Michelle Pfeiffer in englischer Sprache gibt es auch.

Den betulichen Ton der Vorlage hat Frears glücklicherweise nicht übernommen. Stattdessen hat er die Dialoge mit Zweideutigkeiten und Gemeinheiten gepfeffert, die aus den Auftritten der alten Lebedamen ein Feuerwerk der Boshaftigkeit werden lassen: Von der übrigen Gesellschaft meist geächtet, sind die ehemaligen Kokotten trotz des im Lebensherbst angehäuften Reichtums zum dauernden Umgang miteinander gezwungen.

Nahaufnahme: Léa de Lonval und Chéri.

Frears inszeniert diese Treffen als einen mit Seide ausgeschlagenen Kriegsschauplatz. Da segeln dann die Frauen als mit Rüschen, Hüten und Handschuhen aufgetakelte Fregatten aufeinander zu. Wobei der Ausstattung eine besondere Funktion zukommt, betont sie doch die modische und geistige Rückständigkeit von Madame Péloux (Kathy Bates) und die aufgeschlossene Experimentierfreudigkeit der Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer): Man trifft sich in den Salons, umkreist sich und kann sich irgendwie doch leiden. Jetzt, wo die Konkurrenz weggefallen ist und sich beide im Ruhestand befinden. Gewetzt werden die verbalen Klingen erst wieder, als Léa eine Affäre mit dem 19-jährigen Sohn der anderen beginnt.

Opulenter Historienfilm

Fred, genannt Chéri, ist ein verwöhntes Jüngelchen, und man fragt sich in den ersten Minuten seines Auftretens, was diese wunderschöne Frau an ihm finden kann? Doch Rupert Friend verleiht dem schnöseligen Chéri genau das rechte Maß an Naivität, Esprit und jungenhaftem Strahlen, das verdeutlicht: Hier geht es gar nicht um den Kerl.

Frears streift in seinem opulenten Historienfilm die Stimmungen der Zeit, die Zukunftsängste, den Aufbruch, die Dekadenz und den Weltschmerz. Der Dandy Chéri ist gewissermaßen nur eine Leerstelle, in die Léa alle ihre Träume von der Alterslosigkeit und der ewigen Liebe gesteckt hat. Da es beides nicht gibt, sieht man in einer der letzten Einstellungen wieder die zwei Frauen, von denen eine im Verblühen missgünstig und tyrannisch geworden ist, während die andere mit endgültig versteinerter Miene und ebensolchem Herzen dasteht.

Von Ulrike Frick

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