Alzheimer-Drama im TV

"Das Leben wird zu wenig geschätzt"

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Martina Gedeck und Klaus Maria Brandauer

Berlin - Im Liebesdrama "Die Auslöschung" (Mittwoch, ARD) spielen Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck ein Paar, dessen Beziehung durch eine Alzheimer-Erkrankung auf die Probe gestellt wird: das Interview.

Seit 30 Jahren kennen sie einander, doch gemeinsam gearbeitet haben Klaus Maria Brandauer (69) und Martina Gedeck (51) erst jetzt. In Nikolaus Leytners Liebesdrama „Die Auslöschung“ (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) spielen beide ein Paar, dessen Beziehung durch eine Alzheimer-Erkrankung auf die Probe gestellt wird. Beim Interview bilden Burgtheater-Star Brandauer und die preisgekrönte Film- und Fernsehschauspielerin Gedeck ein sehr unterschiedliches Paar: Mit ausholenden Gesten doziert er über Leben und Tod, während sie leise und vorsichtig-persönlich bleibt.

Frau Gedeck, Herr Brandauer, hatten Sie privat je Kontakt mit dem Thema Alzheimer? Und wie haben Sie sich auf diese Arbeit vorbereitet?

Gedeck: Direkt habe ich damit bisher nichts zu tun gehabt. Aber ich komme ja vom Land, wo die älteren Leute immer integriert waren in die Familie. Man sah sie dann plötzlich vorm Haus sitzen und reden und nicht mehr viel tun. Es gehörte mit dazu, dass die Oma oder der Opa langsam vergesslich wurden - so kenne ich es noch. Heute würde man bei einigen von ihnen vielleicht Alzheimer diagnostizieren, doch damals tat man das nicht. Da hat man nicht drüber geredet. Ich habe auch erfahren, dass Menschen sich verändert haben, doch dass ihr Kern derselbe blieb. Vielleicht fürchten wir uns auch zuviel davor - ich weiß es nicht.

Brandauer: Für mich ist es unglaublich schön gewesen, diese Arbeit zu machen, weil ich mir das Umfeld angeschaut habe. Das ist doch das Entscheidende - wie reagieren die Menschen auf Krankheit und Tod? Da liegt einiges im Argen. Wir wollen damit nichts zu tun haben, tun so, als würden wir ewig leben und blieben immer gesund - obwohl wir es im Grunde seit Jahrtausenden besser wissen. Ich glaube, dass das Leben zu wenig geschätzt wird. Manchmal gehöre ich auch zu denen. Dann muss ich mir einen Tritt geben und sagen: ,Also hör' mal, du lebst - was du alles erleben kannst. Und dich an den Dingen freuen kannst.' Und zum Leben gehören nun mal Krankheit und Tod. Ich bin dafür, dass Menschen krank werden dürfen. Warum vertuschen, dass die Oma vergesslich wird?

Prominente, die ihr Gedächtnis verloren 

Alptraum Alzheimer: Der ehemalige Fußballspieler des FC Bayern München, Gerd Müller leidet an einer Alzheimer-Erkrankung. Wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag am 3. November bitten der deutsche Fußball-Rekordmeister und die Familie des Weltmeisters von 1974 um Verständnis, dass es keine öffentlichen Auftritte anlässlich des Jubiläums geben werde. © dpa
Karheinz Böhm
Der große Schauspieler Karheinz Böhm starb am 29. Mai 2014 im Alter von 86 Jahren. Erst im Februar 2013 war Böhms Alzheimererkrankung bekannt geworden. Sein Sohn Michael wollte nicht länger über den Gesundheitszustand seines Vaters schweigen. Karlheinz Böhm wurde an der Seite von Romy Schneider in Sissi ein Star. Böhm setzt sich seit 1981 für hungernde Menschen in der Sahelzone ein (Archivfoto vom 2.05.2011). © dpa
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm, der seit 28 Jahren die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" leitet, und seien Ehefrau Almazs besichtigen das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien (Aufnahme aus dem Jahr 2006).
Der ehemalige Schauspieler Karlheinz Böhm leitet seit 1981 die Äthiopienhilfe "Menschen für Menschen" . Die Aufnahme aus dem Jahr 2006 zeigt, wie Böhm mit seiner Ehefrau Almazs  das Wiederaufforstung-Projekt "Sheikh Abdi Erosionsgraben" in Äthiopien besichtigt. © dpa
Rudi Assauer
Rudi Assauer und die furchtbare Diagnose Alzheimer erschütterte ganz Deutschland. Seine Ehrlichkeit macht betroffen. © dpa
Schalke-Manager Rudi Assauer
In einem TV-Auftritt spricht der Fußballmanager Rudi Assauer Anfang des Jahres 2012 erstmals offen von seinem Leiden. Und der Prominente ist mit seinem schweren Schicksal nicht allein. © dpa
Ronald Reagan
Der frühere US-Präsident Ronald Reagan (1911-2004) erkannte eines Tages seine Frau Nancy nicht mehr - nach mehr als 40 Jahren Ehe. © dpa
Ronald Reagan Alzheimer
"Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt..." - 1994 bekannte sich der ehemalige Präsident in einem Brief als Alzheimer-Patient. Dadurch entstand erstmals ein öffentliches Bewußtsein für die Krankheit.   © dpa
Gunter Sachs Selbstmord
Er machte sich in Europa einen Namen als Fotograf, Kunstsammler und Playboy: Gunter Sachs. Doch aus Angst vor Alzheimer beging im Alter von 78 Jahren Suizid (7.05.2011). © dpa
Margret Thatcher
Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gilt als unnachgiebig und brachte ihr den Spitznamen "Die Eiserne Lady" ein.  © dpa
Peter Falk
US-Schauspieler Peter Falk als Inspektor "Columbo" in seinem typischen Outfit, dem Trenchcoat - und mit einer Zigarre in der Hand brauchte am Ende Vollzeit-Betreuung. Er leidet bis Sommer 2011 an Demenz und Alzheimer. © dpa
Annie Girardot
Die französische Schauspielerin Annie Girardot starb im Alter von 79 Jahren (28.02.2011) an Alzheimer. © dpa
Charlton Heston
Der an Alzheimer leidende Charlton Heston starb im Alter von 84 Jahren. Der US-Schauspieler wurde bekannt für das Filmepos "Die Zehn Gebote" Moses. Für seinen Judah in " Ben Hur" hatte er 1959 den Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen. © dpa
Bubi Scholz
Immer wieder kämpfte sich Bubi Scholz trotz mehrerer Schlaganfälle ins Leben zurück. Die ehemalige Box-Legende litt auch an Alzheimer und starb im Alter von 70 Jahren in Berlin (21.08.2000). © dpa
Country-Star Glen Campbell wollte trotz seiner Diagnose Alzheimer im Herbst 2011 noch ein letztes Mal auf Tour gehen und sich mit mehreren Live-Auftritten von seinen Fans verabschieden. © dpa
Der Schauspieler Fred Delmare zählte zu den bekanntesten DDR-Schauspielern. Zuletzt stand Delmare in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" als Opa Friedrich vor der Kamera. 2005 zog er sich aus dem Berufsleben auch wegen seiner Alzheimererkrankung zurück, wo der Mime 2009 verstarb. © dpa
Helmut Zacharias
Der Violin-Virtuose Helmut Zacharias komponierte 400 Stücke, arrangierte 1400 Titel und verkaufte 13 Millionen Platten. Zuletzt verschwand er aus dem Blick der Öffentlichkeit. Der Musiker litt unter der Alzheimer-Krankheit und lebte bis zu seinem Tod im Alter von 82 Jahren (28.02.2002) in einem Sanatorium in der Nähe seines Wohnortes Ascona in der Schweiz. © dpa
Roberto Blanco
Roberto Blanco und Sodom rocken gemeinsam für einen Spot der Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. Mit viel Humor macht der Sänger auf die Krankheit aufmerksam. © obs
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer
Eine Büste des Hirnforschers Alois Alzheimer: Als der Psychiater am 3. November 1906 in Tübingen erstmals "Über einen eigenartigen schweren Erkrankungsprozess der Hirnrinde" referierte, werteten Kollegen seine Entdeckung als Kuriosität. 100 Jahre später ist Alzheimers Name einer der bekanntesten weltweit, von der nach ihm benannten Hirnkrankheit sollen allein in Deutschland 700.000 bis eine Million Menschen betroffen sein. © dpa

Das Leben bleibt für die demente Figur Ernst lebenswert, weil er seiner Frau und seinen Kindern eng verbunden bleibt. Ist das nicht letztlich eine positive Botschaft des Films?

Brandauer: Eine fantastische Liebesgeschichte! Großartig! Mich hat eben nicht vor allem das Drehbuch gereizt, sondern das Thema. Und mein Thema war, wie gesagt, wie reagieren wir auf Alzheimer. Wir müssen unser Leben leben in jedem Zusammenhang - so bejahend wie möglich. Da brauchen Sie eine Familie, mit der man leben kann - ich meine hier Filmsohn und -tochter. Am schönsten an den Dreharbeiten war immer, dass in allen Phasen des Zusammenseins etwas darüber war wie - ich sag's ja ungern - Liebe. Wenn man weiß, was das heißt.

Ihr Film zeigt eine aufopferungsvolle Liebe bis in den Tod. Ist das heute nicht fast eine Provokation - verstehen wir unter Liebe nicht häufig etwas viel Oberflächlicheres?

Brandauer (spielerisch empört): Das lasse ich im Namen von sieben Milliarden Menschen nicht gelten!

Gedeck: Ich weiß es nicht. Beim Spielen habe ich das Gefühl gehabt, dass diese Liebe da ist. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie nicht erwidert wird - im Gegenteil. Ich möchte diese Liebe auch nicht in eine Schublade stecken und sagen, dass sie ein Opfer ist. Die Liebe zwischen den beiden ist da, sie bleibt und sie ist intensiv empfunden.

Brandauer: Es ist was es ist, sagt die Liebe", schrieb Erich Fried. Und hier soll alles ganz stark sein. Schon im Moment des Kennenlernens - einander nichts vormachen. Es handelt sich um einen ungewöhnlichen Fall in jeder Hinsicht. In unserer Geschichte ist aus der Zweisamkeit "no way out". Das müssen dann die Menschen, die den Film sehen, mit sich selbst ausmachen, wie das gegangen ist. Dazu brauchen sie keine Anleitung. Das Leben ist nicht eine Bringschuld - wir müssen es uns holen. "Es ist was es ist, sagt die Liebe", habe ich nur deshalb gesagt, weil man sie nicht besprechen kann. Das ist doch das Großartige.

Herr Brandauer, „Die Auslöschung“ ist seit vielen Jahren ihr erster Fernsehfilm - wie kam es zu einer solch langen Pause?

Brandauer: Es ist da keine Absicht dahinter. Ich habe in den letzten Jahren viel Theater gespielt und ein paar Kinofilme gedreht. Es gab immer wieder Fernsehprojekte, die sind aber einfach nicht zustande gekommen.

dpa

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