Wie Quentin Tarantino einmal Adolf Hitler umbrachte: "Inglourious Basterds"

Nur ein toter Nazi ist ein guter Nazi

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Ein alliiertes Killerkommando, darunter auch Ltd. Aldo Raine (Brat Pitt) macht Jagd auf Nazis und den SS-Oberst Landa.

München - "Es war einmal im besetzten Frankreich" - ein Märchen wird erzählt, das macht bereits dieser Beginn von Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" unmissverständlich klar.

Wie in den meisten Märchen ist die Handlung auch hier einerseits phantastisch, andererseits rührt sie immer wieder ans Unbewusste des Publikums. Sie ist mitunter überaus grausam, doch gerade darin bietet sie wiederum ein ums andere Mal erleichternde Wunscherfüllung.

In fünf Akte hat Tarantino seine "Inglourious Basterds" unterteilt. Das erinnert an die Struktur des klassischen Dramas. Tatsächlich bildet auch hier der fünfte Akt den Punkt, an dem die Erzählstränge zusammengeführt werden, und kulminieren. Alles spielt während des Zweiten Weltkriegs zwischen 1941 und 1944: Ein alliiertes Killerkommando macht Jagd auf Nazis und den SS-Oberst Landa, den berüchtigten "Judenjäger". Die junge Jüdin Shosanna, deren ganze Familie Landa ermordet hat, und die im besetzten Paris unter falscher Identität ein Kino betreibt, bietet sich durch Zufall die Gelegenheit eines Attentats auf die NS-Führungsriege. In Shosannas Kino laufen alle Fäden zusammen.

Bilder aus dem Film "Inglourious Basterds"

Bilder zum Film "Inglourious Basterds"

Tarantino liebt die lustvolle Überschreitung des Erlaubten. Im Historiendrama muss das auch heißen: der historischen Wirklichkeit. Es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien des kreuzbraven Historienkinos, dass die Beflissenheit in den Fakten mit historisch-politischem Eskapismus einhergeht. Der Rückgriff aufs Genrekino wirkt hier als Befreiung von Stereotypen und Konventionen. "Inglourious Basterds" ist nicht an belegbaren Fakten interessiert. Authentizität strebt er gleichwohl an. Sie liegt aber in der "höheren Wahrheit": Dass die Nazi-Mörder zwar "auch Menschen" waren, dass sie aber als Menschen zu Serienkillern und Monstern wurden. Daher ist der Monsterfilm angemessen, um eine Wahrheit der NS-Verbrechen zu erzählen: Bunt und grell, eben so pervers, wie die Jahrhundertverbrecher selbst.

"Inglourious Basterds" ist aber auch eine Komödie. Man muss an Mel Brooks denken, an Lubitsch und Chaplin, die den Faschismus mit Humor, auch dreistem, mit kalkulierten Tabuverletzungen und Brüchen des "guten Geschmacks" bekämpften. Dieser Film ist, wie alle Filme Tarantinos, überaus unterhaltsam. Es ist - neben "Kill Bill" und "Jackie Brown" - sein bester Film. Denn in diesem Fall hat der Regisseur wirklich etwas zu sagen. Zugleich ist dies, spätestens, wenn am Ende in einem Kinosaal, während eines NS-Propagandafilms Hitler tatsächlich ermordet wird, eine Feier der Macht des Kinos: Seines Vermögens, Gang der Geschichte zu ändern, der Phantasie, den Wunschvorstellungen freien Lauf lassen. Ein Triumph des Willens. Was sich das deutsche Kino bis heute nicht traut: Den toten Hitler zu zeigen, sein Gesicht und damit den Mythos selbst zu versehren, den untoten Wiedergänger der Geschichte sterben zu lassen, das tut dieser Film. Auch das könnte als Befreiung wirken.

Von Rüdiger Suchsland

Lesenswert ist das gerade erschienene Buch zum Film: Georg Seeßlen: "Quentin Tarantino gegen die Nazis. Alles über INGLOURIOUS BASTERDS" (Kleine Schriften zum Film: 1), 176 Seiten, 61 Fotos, 9,90 Euro [ISBN 978-3-86505-192-9] Bertz+Fischer Verlag, 2009

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