Kritik zum NSU-Film „Die Täter: Heute ist nicht alle Tage“

In Uniform: Uwe Mundlos (Albrecht Schuch, von links), Beate Zschäpe (Anna Maria Mühe) und Uwe Böhnhardt (Sebastian Urzendowsky). Foto: Swr

Es schauderte einen ziemlich oft beim Betrachten von Christian Schwochows großartigem NSU-Film „Heute ist nicht alle Tage", findet HNA-Kulturredakteurin Bettina Fraschke.

Besonders heftig in jenen Momenten, wo sich die Filmwirklichkeit aus den 90er-Jahren wie eine Folie über unsere Gegenwart zu legen schien, wo die Ebenen verwischten. Wie entstehen Rassismus, Hass auf vermeintlich Fremdes und dieser krasse Impuls, sich einer menschenfeindlichen Ideologie unterzuordnen?

Schwochow und sein Drehbuchautor Thomas Wendrich gingen souverän mit der Schwierigkeit um, dass die Fakten um das rechtsterroristische Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt noch nicht vollständig geklärt sind. Der Film stieg in dem Moment aus, als der erste Mord passierte, und verweigerte sich einer Bebilderung. Mit Begleittexten sicherte man Filmszenen ab, die fiktional blieben. Gut gemacht. Noch wichtiger war jedoch eine andere Qualität des beklemmenden Werkes: Es ließ eine Atmosphäre entstehen, in die die Zuschauer mit den Protagonisten eintauchen konnten. Ja, genau: zusammen mit ihnen. Auch das war beunruhigend.

Das Sinn-Vakuum der jungen Leute in der Wendezeit wurde konkret spürbar. Als die DDR-Ideologie vollständig wegbröselte, als Bauernfänger jeglicher Couleur auf Naivenfang gingen - von Bierbrauern bis Scientology -, als junge Leute von der Schule in die Arbeitslosigkeit schwappten und Weltanschauungen ebenso wechselten wie ihre Frisur.

Gemeinsam mit Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erlebten die Zuschauer diese Monate. Und die famosen Darsteller Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowsky sorgten für einen emotionalen Ritt auf der Rasierklinge, indem sie ihre Figuren, obwohl sie ins Nazi-Mileu abglitten, immer wieder auch sympathisch zeigten. Albrecht Schuchs Uwe Mundlos etwa war ein gefährlich toller Typ mit leuchtenden Augen, charmant, klug. Vielleicht hätte dieser junge Mann auch anderswo eine geistige Heimat finden können.

Wie sich Familie, Nachbarn, Polizei, die Gesellschaft wegduckte vor den Rechten und ihr Erstarken mitermöglichte, das sollte ein Aufrüttler sein in unserer Zeit, wo Nazisprech wieder salonfähig wird und Asylbewerberheime brennen.

Ein Sonderlob geht an Produzentin Gabriela Sperl und an die ARD-Redaktionen, die dieses brisante dreiteilige Projekt ermöglichten.

4. April: Perspektive der Opfer: „Vergesst mich nicht“, 6. April: Perspektive der Ermittler: „Nur für den Dienstgebrauch“, 20.15 Uhr im Ersten.

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