"Lady Vegas": Stripperin wird zur Wettkönigin

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Mit großen Augen die Welt des Glücksspiels entdecken: Beth (Rebecca Hall) entpuppt sich in Stephen Frears’ Entwicklungsfilm als gewiefte Zockerbraut.

Berlin - Zockerkomödie "Lady Vegas" steigt Rebecca Hall mit Bruce Willis’ Hilfe von der Stripperin zur Wettkönigin auf. Lesen Sie hier die Kinokritik.

Schon der erste Song gibt vor, wohin die Reise geht – raus aus der bürgerlichen Sphäre. Aus dem Off dringt Poison mit „Unskinny Bop“. Eine der trashigsten Bands des Hairspray-Metal der Achtzigerjahre besingt darin einen besonderen Frauentyp: die Schlampe, die lieber mit Männern spielt, als ihr Herz zu verlieren. Und schon sind wir mitten im Film. Die hübsche Beth (naiv wie ein Monchhichi: Rebecca Hall) spielt beruflich mit den Herren. Als Stripperin. Doch statt sich weiterhin vor schiachen Uhus, Verklemmten und potenziellen Serientätern auszuziehen, will sie als Kellnerin in Las Vegas durchstarten. Eine Karriere so windig wie einst die von Poison (deren Sänger zuletzt auf MTV eine Frau suchte).

Erwartet hat man die Kleine in der Spielerstadt nicht. Und so landet sie im schäbigen Wettbüro von Dink (Bruce Willis). Der ist mit seinen Schlabber-T-Shirts und den unsexy Shorts offenkundig auch ein Produkt der Achtzigerjahre. Beth allerdings hat einen Narren an dem Mann gefressen, und er an ihr. Rasch baut er das Küken zu seiner Geheimwaffe auf – mit ungeahnten Folgen. Dass sich ausgerechnet Stephen Frears, der eigenwillig-anspruchsvolle Brite und Macher von „The Queen“, an dieser amerikanischen Geschichte versucht, verwundert nur auf den ersten Blick. Denn was leicht obszön mit einem Hardrock-Song und viel nackter Haut beginnt, entwickelt sich zur Verfilmung eines Entwicklungsromans. Die echte Beth Raymer lieferte mit ihrer Autobiografie „Lay The Favorite“ die Vorlage dazu. Heute arbeitet die Sportwetten-Königin als Journalistin. Ob die reale Beth ähnlich knuffig ist wie die Film-Beth, soll hier nicht interessieren. Rebecca Hall jedenfalls gibt alles, um die Archetypen waidwundes Reh, kulleräugiges Töchterlein und eben die sexy Schlampe zu vereinen. Kein Wunder, dass der Schlawiner Dink darauf abfährt. Zumindest, bis seine Frau (Catherine Zeta-Jones) dahinterkommt und Stress macht. Da wirft Dink sein Hätschelkind hinaus, und der Entwicklungsplot kommt endlich in Schwung.

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Lange gibt uns Frears mit seiner dahineiernden Komödie Rätsel auf. Hat er sich an einer Schmuddelsatire versucht? Oder an einer Liebe im Lolita-Stil? Oder gar an einem sozialkritischen Zockerfilm? Nichts davon. „Lady Vegas“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die erwachsen wird. Bruce Willis’ Dink besetzt dabei nicht etwa die Rolle des Liebhabers, sondern die des Vaters, um den die Tochter zunächst verzweifelt wirbt. Erst als sie den Sprung aus der Familie wagt, sich anderen Männern zuwendet – sei es sexuell oder geschäftlich –, kann sie reifen.

Insofern wird Frears seinem Image als intellektueller Filmemacher doch gerecht: Im Gegensatz zu vielen Kollegen beschwört er nicht voller Pathos und verkappter Misogynie die Vater-Sohn-Bande, sondern stellt eine Frau in den Mittelpunkt. Um deren Emanzipation greifbar zu machen, braucht der Brite allerdings Ewigkeiten. Als die Fetzen fliegen, die Zocker bibbern, die Dialoge zünden und Beth ihren Coup plant, schlummert das halbe Publikum schon in den Kinosesseln. Schade.

von Katrin Hildebrand

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