"Leaving Neverland" zeigt ein System des Missbrauchs und der Manipulation

Darum sollte jeder die Doku über die Pädophilie-Vorwürfe gegen Michael Jackson sehen

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Der King of Pop und sein Opfer? Michael Jackson soll auch Wade Robson missbraucht haben.

Keine Doku wird derzeit so heiß diskutiert wie "Leaving Neverland" über Missbrauchsopfer von Michael Jackson. Warum man den Film sehen muss und er unser Bild vom King of Pop verändert.

Um was geht es in "Leaving Neverland"?

Um Michael Jackson, und trotzdem ist es kein Michael-Jackson-Film, der in den USA bei HBO lief und am 6. April bei Pro Sieben zu sehen ist. Der englische Regisseur Dan Reed erzählt die Geschichte zweier Männer, die als Kinder vom King of Pop missbraucht worden sein sollen. Vier Stunden lang dürfen der Amerikaner James Safechuck und der Australier Wade Robson schildern, wie sie den Musiker vergötterten, wie er mit ihnen masturbierte und andere "Sex-Dinge" machte, wie sie jahrelang schwiegen und daran zerbrachen.

Safechuck und Jackson lernen sich bei einem Werbedreh für Pepsi kennen. Eine der ersten Szenen des Films zeigt eben diesen Clip, in dem der süße Junge wie Jackson durch die Garderobe des Superstars tanzt. Dann schaut Jacko durch die Tür und fragt: "Suchst du nach mir?" Schon da läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Welche neuen Erkenntnisse liefert "Leaving Neverland"?

Streng genommen keine. Viele Vorwürfe gegen den 2009 mit 50 Jahren gestorbenen Musiker sind bekannt. Wegen anderer Fälle gab es bereits zwei Gerichtsprozesse. Der eine endete mit einem Freispruch, in dem anderen einigten sich Jacksons Anwälte mit der Familie des Jungen auf 23 Millionen Dollar Abfindung.

"Leaving Neverland" gibt aber auf faszinierende Weise Einblicke in ein System des Missbrauchs und der Manipulation. Jackson manipulierte nicht nur das Publikum, wie es jeder Popstar oder Schauspieler tun muss, er manipulierte auch die Kinder, deren Nähe er suchte, sowie deren Familien.

Jackson nahm Safechuck und Robson mit auf Tour. Sie schauten zusammen Filme, zockten Computer-Games, aßen Popcorn und schliefen im selben Bett. Die Eltern übernachteten in weit entfernten Hotelzimmern. Sie schauten weg, weil sie es genossen, dass ihre Kinder zu den wenigen Auserwählten gehörten, die dem Idol nah sein und zeitweise sogar auf seiner "Neverland Ranch" leben durften.

Einmal erzählt Robsons Mutter, die wegen Jackson aus Australien in die USA zog, dass der Star doch selbst ein Kind gewesen sei, quasi ein asexuelles Wesen. Man schüttelt wütend den Kopf über diese Naivität, die weh tut, und hat doch Mitleid, wenn sie nun vor der Kamera weint.

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Sind die beiden Protagonisten glaubhaft?

Ja, dabei haben sie jahrelang das Gegenteil behauptet. Im ersten Gerichtsprozess gegen Jackson hatten Robson und Safechuck beteuert, dass der Angeklagte sie nie angefasst habe. Und nun soll er sie jahrelang missbraucht und Sex mit ihnen gehabt haben? Selbst dieses Leugnen erscheint im Film glaubhaft. Jackson hatte den zu Beginn nicht einmal zehn Jahre alten Kindern eingebläut, dass Sex zu einer Freundschaft gehöre wie Zuhören. Und er hatte gedroht: Würden sie etwas erzählen, müssten sie und er lebenslang ins Gefängnis. 

Ihre Lügen, vor Gericht zum Teil unter Eid vorgetragen, sollten sie selbst und ihr Idol schützen, den sie bis zu seinem Tod verehrten. Ihre Familien sind an Michael Jackson zerbrochen. Geld und mediale Aufmerksamkeit hat zumindest Robson nicht nötig, der unter anderem als Choreograf für Britney Spears tätig war.

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Warum zeigt Regisseur Dan Reed nur die eine Seite?

Das ist der einzige Schwachpunkt des Films. Schon nach der Premiere Ende Januar auf dem renommierten "Sundance Film Festival" klagten Jacksons Nachlassverwalter, Reed würde "gegen jede Regel von verantwortungsvollem Journalismus und Dokumentarfilmen" verstoßen, da die Familie des vermeintlichen Täters, der für sie Opfer ist, nicht zu Wort komme. Der 54-Jährige indes wollte die Geschichte lediglich aus Sicht von Augenzeugen schildern. Aber auch so ist ihm ein Meisterwerk der Montage gelungen, in dem sich Interviews mit Robson und Safechuck, ihren Eltern, Geschwistern und Ehefrauen mit Filmaufnahmen aus ihrer Kindheit abwechseln. Die Jackson-Seite wird das nicht überzeugen. Vom Sender HBO, der die Doku in den USA ausstrahlte, fordern die Nachlassverwalter 88 Millionen Euro Schadensersatz. Und die beiden Protagonisten des Films erhielten von Fans Morddrohungen.

Müssen wir jetzt die Alben von Michael Jackson verbrennen?

Nein, obwohl Radiostationen in Kanada und den Niederlanden Jacksons Werk nun boykottieren, wird es weiterhin in einem Atemzug mit Elvis und den Beatles genannt werden. Aber wer "Leaving Neverland" gesehen hat, wird seine Songs mit anderen Ohren hören. In seinem Hit "You Are Not Alone" sang Jackson 1995: "Du bist nicht allein, ich bin hier mit dir. Obwohl du weit weg bist. Ich bin da, um zu bleiben." Bei diesen Zeilen wird man nun zwangsläufig an die stundenlangen Telefonate denken, die er mit Robson und Safechuck über Kontinente hinweg führte. Aus demselben Jahr stammt die Ballade "Childhood", in der Jackson fordert: "Bevor ihr über mich urteilt, versucht, mich zu lieben." Das ist nun schwieriger geworden.

"Leaving Neverland" läuft am Samstag, 6. April (20.15 Uhr), auf Pro Sieben.

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