Die „Lindenstraße“ wird 30 - Abrechnung eines Ex-Fans

Die Macher: Tochter Hana mit „Lindenstraßen“-Erfinder Hans W. Geißendörfer.

Früher sorgte die ARD-Seifenoper "Lindenstraße" für Aufreger, heute ist sie eine Serie wie jede andere. Nun wird sie 30. Redakteur Matthias Lohr rechnet mit seiner Ex-Lieblingsserie ab.

Diese Woche wurde mir klar, warum meine ehemalige Lieblingsserie „Lindenstraße“ peinlich ist. Philipp Sperling und Klausi Beimer saßen in der kalten Küche der Lindenstraße 3. Das Haus soll gegen den Willen der Mieter verkauft werden, jemand hatte die Heizung sabotiert. Angeblich steckte Philipps Freundin, eine Maklerin, dahinter.

Plötzlich aber redeten die beiden über die Terroranschläge in Paris und den Krieg der Europäer gegen den Islamischen Staat. Philipp warnte vor Luftangriffen, ehe Moritz fragte: „Kannst du dir vorstellen, dass Angelina die Heizung absichtlich sabotiert hat?“. Und Philipp entgegnete: „Genau das sag ich doch. Keine vorschnellen Verurteilungen.“

In der „Lindenstraße“ hängt seit jeher alles mit allem zusammen - Mieter sollen gegen Immobilienhaie genauso vorgehen wie alliierte Staaten gegen Terroristen. Der Erkenntnisgewinn ist dabei gering. Die Figuren streuen ein paar Sätze über das Weltgeschehen ein, dann geht es wieder weiter in der Dauerseifenoper, die an diesem Sonntag ihren 30. Geburtstag feiert.

Es könnte das letzte große Jubiläum sein. Die Quote sinkt seit Jahren. Mittlerweile schalten noch 2,5 Millionen Zuschauer ein. Früher waren es 14 Millionen. Zuletzt wurde die Serie aus aktuellen Gründen auch mal ersatzlos gestrichen. Der Vertrag des Produzenten Hans W. Geißendörfer mit dem WDR läuft noch bis Ende 2016. Und die größte ARD-Anstalt muss sparen.

Trotzdem gibt es in der 1559. Ausgabe am Sonntag eine große Premiere: Die Folge „Hinter der Tür“ wird live ausgestrahlt. Selbst die Musik kommt nicht vom Band. Normalerweise wird die Sendung elf Wochen vorher aufgezeichnet. Trotzdem ist sie aktuell. Jede Folge spielt am Donnerstag vor der Ausstrahlung.

Seit der ersten Folge am 8. Dezember 1985 lieferte die „Lindenstraße“ fiktionales Reality-TV. Die Schauspieler waren keine Models, die Zuschauer erkannten in den Figuren die eigenen Nachbarn wieder. Die Serie griff gesellschaftliche Veränderungen auf und zeigte den ersten schwulen TV-Kuss (1990). Heute fehlen die Aufreger. Demnächst sollen immerhin Flüchtlinge eine größere Rolle spielen.

Wenn man wie ich nach Jahren der Abstinenz wieder einschaltet, stellt man erschrocken fest, dass sich fast nichts verändert hat. Hana Geißendörfer, die jetzt neben ihrem Vater Produzentin ist, lässt mehr mit der Handkamera filmen, was die Serie lebendiger machen soll. Doch während die Figuren in den viel gelobten US-Serien dramatische Entwicklungen durchmachen, brät Mutter Beimer immer noch Spiegeleier, und Sohn Klausi (Moritz A. Sachs) wiegt nun halt zwei Zentner mehr als früher. Horizontales Erzählen findet hier nicht statt.

In einer der letzten Folgen fragte Marie-Luise Marjan als Mutter Beimer besorgt: „Warum kann denn die Zukunft nicht bleiben, wie sie war?“ Gute Frage. Für einen „Lindenstraßen“-Bewohner wird die Zukunft am Sonntag indes vorbei sein - er stirbt. Einmal werde ich noch einschalten.

ARD, Sonntag, 18.50 Uhr. Das Erste zeigt um 16.30 Uhr ein Porträt von Marie-Luise Marjan. Bei Einsfestival läuft ab 14 Uhr ein Countdown, nach der „Lindenstraße“ gibt es dort das Porträt „Moritz A. Sachs - Ein Mann mit zwei Leben“.

„Lindenstraße“ in Zahlen

85.000 Seiten umfassen die Drehbücher der „Lindenstraße“-Folgen insgesamt

28 Drehbuchautoren haben daran mitgeschrieben

46 Menschen sind in der „Lindenstraße“ gestorben

31 Hochzeiten gab es

27.000 Komparsen haben mitgespielt

34 erwachsene Schauspieler umfasst das Team der „Lindenstraße“ derzeit

9 Kinder spielen mit

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