TV-Kritik, ARD

Maischberger. Die Woche: „Jede geöffnete Kita ist gleich ein neues Ischgl“

Bei „Maischberger. Die Woche“ stellt sich Sebastian Kurz in der Corona-Krise ein gutes Zeugnis aus - und den Deutschen einen Urlaub in Österreich in Aussicht. 

  • Bei „Maischberger. Die Woche“ geht es wieder mal um Corona*
  • Sebastian Kurz lädt die Deutschen in seine Heimat ein
  • Ein Pandemie-Experte des Robert-Koch-Instituts warnt vor der zweiten Corona-Welle

Eine Prise Privates, ein bisschen Information, ein wenig politische Diskussion und ein Blick über den Tellerrand: Sandra Maischberger fasst eine turbulente Woche in der Corona-Achterbahn zusammen - und die Gäste eifern unfreiwillig der Kanzlerin nach.

Nachdem der vorab angekündigte bayerische Ministerpräsident Markus Söder seinen Auftritt in der Sendung wohl kurzfristig absagen musste, teilte Sandra Maischberger ihre Show in drei Segmente von je etwa einer halben Stunde: ein verlängerter Plausch mit den Journalistenkollegen, ein Interview mit dem österreichischen Kanzler Sebastian Kurz und ein Info-Segment mit dem Pandemie-Experten Prof. Dr. Dirk Brockmann vom Robert-Koch-Institut.

Als besonders unterhaltsam, aber auch kontrovers, erwies sich das Panel aus Anna Planken, Robin Alexander und Wolfram Weimer. Eher launig-entspannt wurde da über die persönliche Familienerkrankung erzählt („man fühlt sich richtig elend“), und die Freuden und Nachteile der Kinderbetreuung als berufstätige Eltern abgewogen („eine Pest“). Und natürlich diskutierte man auch über die Kanzlerin, ihren bisherigen Kurs (der von allen gelobt wurde) und die in Aussicht gestellten Lockerungen der Kontaktsperren*. Weimer leistet sich die erste zugespitzte Formulierung des Abends, wenn er die Bedenken einiger Forscher karikiert als „jede geöffnete Kita ist gleich ein neues Ischgl“.

Maischberger (ARD): Angela Merkel mit ungeschickter Wortwahl in der Corona-Krise

Das ist vor allem deswegen ironisch, weil er selbst kurz danach auf den haushohen Favoriten für das Unwort des Jahres zu sprechen kommt: die von Merkel attestierten „Öffnungsdiskussionsorgien“. Die moderate Kritik der Journalisten an dieser Formulierung ist auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar: „Das Gefühl für die Volksstimmung ist nicht ihre große Stärke“, sagt Planken, und erklärt dies völlig richtig zu einem Wiederholungsfehler, der Merkel häufiger unterläuft – schon bei ihrer kategorischen Ansage, die Eurorettung wäre „alternativlos“ hatte sich die Kanzlerin durch ungeschickte Wortwahl ihre Gegner vereint, anstatt eine kurze Diskussion auszuhalten, die sich sicherlich gewonnen hätte.

Und doch... vielleicht ist es der internationale Blick, den man derzeit automatisch hat, da diese Welle über die Kontinente schwappt und die unterschiedlichen politischen Systeme und Akteure geradezu zum Vergleich herausfordert... aber für einen ausländischen Beobachter muss dieser Themenpunkt absurd wirken. Angesichts der täglichen Chaos-Auftritte von Donald Trump*, angesichts der verzweifelten Vertuschungslügen der britischen Regierung und der antidemokratischen Corona-Machtspiele in Ungarn und Brasilien; und angesichts der viel drakonischeren und längeren Ausgangssperren* in Asien oder Italien – angesichts all dessen wird hierzulande eine zu scharf geraten Wortwahl der Kanzlerin zum „politischen Fehler“ erhoben? Wie generell in dieser Krise jammern die Deutschen auf sehr, sehr hohem Niveau.

Maischberger (ARD): Sebastian Kurz stellt trotz Corona Urlaub in Österreich in Aussicht

Sebastian Kurz nutzt dann auch die Gelegenheit, den Deutschen (und sich selbst) ein gutes Attest auszustellen und ihnen gleich einen Sommerurlaub in Österreich in Aussicht zu stellen. Viel mehr an Informationswert ist nicht dabei, aber das ist bei Politikern, deren Zustimmungswerte gerade historische Höhe erreichen, meistens der Fall. Kurz mahnt zur Vorsicht, hält den Ball flach, gibt sich bescheiden, zufrieden und wachsam. Wie gesagt: Man kann schlimmere Eigenschaften ausstrahlen in dieser Krise.

Die Journalistenrunde darf sich danach mal wieder etwas im Zuspitzen üben, man will Merkel ja in Nichts nachstehen in Sachen grenzwertiger Formulierungen. „Wir hatten fünf Wochen lang eine Not-Regentschaft, jetzt beginnt wieder der demokratische Prozess“, poltert Weimer, während Alexander etwas zu lapidar ganze Bevölkerungsgruppen über die Klinge springen lässt: Staatshilfe für Konzerne, Staatshilfe für Selbständige – und nun auch noch für Eltern und Künstler? Was, die wollen auch essen? „Plötzlich will jeder Staatshilfe haben“, jammert der Mann, der eben noch zugab, dass er „seine paar Texte“ auch locker von zu Hause schreiben könnte und dass Merkel das Gespür für die Nöte der Bevölkerung fehlte. Ach, dieses ganzen Freiberuflichen-Pack, das auch noch Kinder hat und nun ein halbes Jahr totalen Verdienstausfall hat – sollen sie doch Kuchen essen, sich eine Hausfrau holen und was Gescheites studieren.

Maischberger (ARD): Journalist stellt Corona-Verschwörungstheorie als Tatsache hin

Aber den größten Aufreger des Abends leistete sich Weimer, als er behauptet, die alte Verschwörungstheorie, dass der Virus nicht auf dem Fischmarkt in Wuhan, sondern bereits vorher entstanden ist, als wissenschaftlich bewiesene Tatsache hinstellt. Auch dabei überzieht er ordentlich: der zugrunde liegende Artikel erschien nicht, wie er behauptet, in „Science“, sondern im „Lancet“, und er widerlegt die Fischmarkt-Theorie keineswegs vollständig, sondern stellte nur einige Argumente für eine vorsichtige Gegenhypothese auf – zu mehr fehlen derzeit schlicht die Daten. Auch dies war wieder ein Beispiel, wie ein eigentlich guter Einwurf durch seine übertriebene Formulierung gleich Widerstand hervorrief. So sehr die Journalisten die Wortwahl der Kanzlerin also kritisieren – sind wir nicht alle ein bisschen Merkel?

Das abschließende Interview mit Dirk Brockmann vom RKI diente dann eigentlich nur noch der Begriffsklärung: R-0, Verdopplungszahl, Datenspende – was war das alles nochmal? Und die zweite Welle? „Wenn wir so weitermachen wie vor der Krise, dann kommt die zweite Welle garantiert“, prophezeit Brockmann. Dann kann man sich ja wieder treffen, und hoffentlich halten sich dann alle Beteiligten mit den Formulierungen ein bisschen mehr zurück.

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Rubriklistenbild: © ARD (Screenshot)

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