Mark Monheim im Interview: „Figur, die irrt und Fehler macht“

Fanny Steininger (Jutta Speidel) muss wieder kreativ werden: Die quirlige Dame hatte in Teil eins des Doppelfilms viel Geld geerbt. In „Die gestohlene Frau“ bemüht sich die 60-Jährige nun darum, möglichst wenig davon als Steuern an den Staat abzudrücken. Foto: ard

Am Freitagabend läuft die ARD-Komödie „Fanny und die gestohlene Frau". Wir sprachen mit Regisseur Mark Monheim über die moderne Frau ab 60.

Unvermittelt erbt die 60-jährige Fanny Steininger (Jutta Speidel) viel Geld und ein Landhaus, als sie einwilligt, sich um ihren behinderten Halbbruder Elias zu kümmern. Zum Geldsegen sagte die klamme Frau nicht Nein, doch jetzt bittet der Staat zur Kasse. Das fordert die kreative Problemlöserin im zweiten Teil des ARD-Doppelfilms „Fanny und die gestohlene Frau“ erneut heraus. Wir sprachen mit Regisseur Mark Monheim.

Die Hauptfigur Fanny Steininger ist 60, ist aber launisch wie ein Teenager. Passt das?

Mark Monheim: Das hat mir an der Figur sehr gefallen. Ich finde Frauen im deutschen Fernsehen häufig etwas eindimensional. Sie retten meist die Welt und sind voller guter Absichten. Fanny ist erst mal egoistisch und eine Lebenskünstlerin. Sie redet, wie ihr der Mund gewachsen ist, präsentiert sich sehr bunt. Ich kenne solche Frauen, es gibt sie da draußen. Aber die werden im TV nicht erzählt.

Fanny hat kein Geld, keinen Job und keine Sicherheit. Passt das zu einer Frau, die schon lange erwachsen ist?

Monheim: Die Frage ist, ob Erwachsensein bedeutet, dass man aufhören muss, Sachen zu machen, die einem Spaß machen. Das ist, glaube ich, eine Haltung, die meine Generation der um die 40-Jährigen blockiert. Die Generation davor, die 68er, hat sich über die Rente keine Gedanken gemacht und ist trotzdem zu Wohlstand gekommen. Aber es stimmt, Fanny denkt nie weit voraus, ihre Volten haben nie lange Bestand. Es ist erfrischend, eine Figur zu zeigen, die irrt und Fehler macht. Nicht aus schicksalhaften Gründen, sondern weil sie spontan entscheidet.

Ist das die neue Frau ab 60?

Monheim: Ja, da kommt jetzt eine Generation von Frauen, die sich weigern, wie Oma auszusehen. Ich finde es toll, dass Leute über 60 oder 80 mit Lust am Leben teilnehmen, Spaß haben und sich weigern, davon enteignet zu werden. Jutta Speidel ist auch so: Sie ist zwar keine 18 mehr, aber innen drin ist sie ein freches Mädchen geblieben. Sie macht jeden Unsinn mit, hat keine Allüren, war mit allen per Du. Das hat dem Dreh gutgetan.

Mit diesen Schauspielern haben Sie noch nicht zusammengearbeitet, oder?

Monheim: Nein. So ein großes Ensemble war für mich eine Herausforderung. Ich hab zwar schon Szenen mit vielen Komparsen inszeniert, aber fünf, sechs Schauspieler in einem Raum, das war neu.

Das ist kein Vergleich mit dem Suizidfilm „About a Girl“?

Monheim: „About a Girl“ war in vielen Dingen anders. Das war ein Film und nicht zwei. Also wir haben die beiden Fanny-Filme ja zusammen gedreht, damit man nicht ständig die Drehorte wechseln muss. Bei Fanny habe ich auch, anders als bei „About a Girl“, das Drehbuch nicht selbst geschrieben. Das hat zwar den Vorteil, dass man klarer sieht, wo Schwachstellen sind, aber auch den Nachteil, dass man die Szenen nicht so genau kennt. Bei einem eigenen Drehbuch kenne ich jeden Winkel der Szenen.

Sie haben in München studiert. Fanny erbt ein Landhaus am Ammersee. Würden Sie selbst so wohnen wollen?

Monheim: Ich habe zum Münchner Umland ein gespaltenes Verhältnis. Ich habe es damals sehr genossen, dass rund um München so wunderschöne Natur ist. An den Seen ist allerdings viel Privatgrund. Als normaler Mensch kommt man an viele Stellen nicht ran. Es ist schön, so zu wohnen, aber ich finde es ein bisschen elitär. Mitten in Berlin zu wohnen, ist mir lieber.

Der Barkeeper Santiago steht Fanny immer mit weisen Sprüchen zur Seite. Gibt es solche Barbesitzer noch?

Monheim: Ich habe mit Barkeepern schon sehr interessante Gespräche geführt. Mein bester Freund hat seinen Lebenspartner in einer Bar in New York gefunden. Bars sind immer noch geeignet, dass man sehr schnell sehr viel Persönliches preisgibt. Aber eine Stammkneipe, wo ich persönlich betreut werde, habe ich, zumindest seit ich Kinder habe, nicht mehr.

Zur Person:

Für Mark Monheim (38) sind die Fanny-Filme das erste große Fernsehfilm-Projekt. Der in Bonn geborene Regisseur debütierte im Kino 2014 mit dem Film „About a Girl“ über Suizidgedanken eines Teenagers. Der Film brachte Monheim viele Auszeichnungen als Nachwuchsregisseur ein, außerdem eine Nominierung für den Preis der deutschen Filmkritik. Monheim studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film in München von 1998 bis 2007. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

(Von Benedikt Dittrich)

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