Interview zum Kino-Start

Moritz Bleibtreu über sein Regie-Debüt mit „Cortex“

Moritz Bleibtreu als Hagen in seinem eigenen Film „Cortex“.
+
„Für mich hatte das Träumen schon immer eine Faszination“: Moritz Bleibtreu als Hagen, der nicht mehr zwischen Realität und Schlaf unterscheiden kann.

Erstmals führte Moritz Bleibtreu Regie bei einem Kino-Film. Im Interview berichtet er, dass dies auch seine Tücken hatte.

  • Moritz Bleibtreu führte erstmals Regie bei einem Kino-Film.
  • Die Geschichte über einen Mann zwischen Realität und Traum bilde ihn „ziemlich genau ab“.
  • Am meisten hat er für seine neue Aufgabe von Steven Spielberg gelernt.

Berühmt wurde Moritz Bleibtreu in den Neunzigern mit Filmen wie „Lola rennt“, „Das Experiment“ oder „Lammbock“. Irgendwann rief Hollywood an, und der jetzt 49-Jährige spielte in Großproduktionen wie „World War Z“ oder „Speed Racer“ mit, bei Steven Spielberg, Paul Schrader oder bei Fernando Meirelles. Regie führen wollte auch Bleibtreu seit Langem, Ideen für Drehbücher hatte er schon aufgeschrieben. In „Cortex“, einem so spannenden wie anspruchsvollen Psychodrama um einen von Albträumen geplagten Mann, hat Bleibtreu erstmals Regie geführt. Das Drehbuch stammt ebenfalls von ihm. Und die Hauptrolle hat er auch noch rasch übernommen.

Im Film geht es um das Verschwimmen von Traum und Wirklichkeit, um Schlafprobleme und eine Krankheit wie Hyposomnie. Schlafen Sie schlecht?

Nein, ich habe keine Schlafprobleme. Für mich hatte aber das Träumen schon immer eine Faszination. Dieses unberechenbare Kino, das jeder im eigenen Kopf mit sich herumträgt. Wenn man sich überlegt, dass man 30 Prozent seines Lebens im Schlafzustand verbringt und eigentlich noch keiner so genau weiß, was da wirklich passiert und wie das neurologisch abläuft – das hat mich schon seit vielen Jahren beschäftigt. Wir glauben, heute lässt sich alles wissenschaftlich erklären. Aber ich halte es eher mit Shakespeare, der im „Hamlet“ schreibt, dass es „Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir uns nicht träumen lassen“.

Für ein Regiedebüt ein eher sperriges Thema...

Aber es ist eine Geschichte, die mich als Mensch und Künstler ziemlich genau abbildet. Eine Initialzündung, aus diesem Themenbereich einen Film zu machen, war damals sicherlich „Memento“ von Christopher Nolan. Als ich den gesehen habe, war ich nur noch begeistert. Der hat es mit diesem Film geschafft, das Kino noch einmal neu zu erfinden. Nicht auf eine stilistische Art, wie es Quentin Tarantino gelungen war. Sondern inhaltlich, strukturell. Nolan hat von der Erzählstruktur her die Dinge einfach auf den Kopf gestellt. Das war schlichtweg genial. Gleichzeitig bildete der Film etwas ab, was mir in der Literatur immer schon besonders gut gefallen hat, nämlich diese Bodyswitch-Thematik. Das ist im Kino längst ein gängiges Genre, weit über 70 Filme gibt es da mittlerweile. Allerdings sind das meistens Komödien, und mich interessierte mehr die dramatische Seite daran. Was bedeutet das, wenn ich eine solche Geschichte einmal nicht als Gute-Laune-Film aufziehe? Wenn ich zwei Menschen zeige, die auf einmal im Leben des Anderen stecken? Der Gedanke hat sich dann irgendwie verfestigt.

Wer diente mehr als Vorbild – Hitchcock oder Lynch?

An Lynch habe ich gar nicht gedacht, aber die Vergleiche gefallen mir natürlich sehr. Mir war nur wichtig, einen komplexen Film zu machen, in dem nicht jeder nach zehn Minuten das Ende erahnt.

Von welchen Regisseuren, mit denen Sie als Schauspieler gearbeitet haben, konnten Sie am meisten abschauen?

Ich denke, von jedem habe ich etwas lernen können. Am meisten vielleicht von Steven Spielberg damals bei den Dreharbeiten zu „München“.

Wie lief das ab, wenn Sie als Regisseur Ihre Kollegen beim Casting vorsprechen ließen?

(Lacht.) Ich habe nicht einen gecastet, den ich kannte. Das Absagen ist der schlimmste Teil überhaupt beim Regieführen. Weil ich ja selbst auch Schauspieler bin und das gut kenne, weiß ich, wie schrecklich es ist. Und weil ich das weiß, wollte ich es niemandem antun. Das werde ich als Regisseur auch nach Möglichkeit nie machen. Ich glaube, ich könnte nie einen Frederick Lau casten oder einen Wotan Wilke Möhring. Ich würde denen einfach zutrauen, dass sie’s können.

Hatten Sie bestimmte Kollegen beim Schreiben schon im Kopf?

Gar nicht. Das hat sich später aber als Problem herausgestellt. Sobald das Geld da ist, muss alles ziemlich schnell gehen. Fördergelder sind ja immer auch an einen bestimmten Zeitraum gebunden. Das heißt, du kannst nicht noch einmal alles um drei Monate verschieben, nur weil die Suche nach dem Hauptdarsteller noch ein bisschen länger dauert. Daher dachte ich mir: Bevor ich jemanden nehme, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin, ziehe ich mir die Jacke lieber selber an und versuche das. Aber das passiert auch nicht noch mal.

War die Doppelbelastung Regie und Hauptrolle so stressig?

Nein, es war einfach nicht gewollt. Sobald in einem Film eine Komponente nicht gewollt war, wird man sich später immer denken: Das hättest du besser machen können. Das nervt einfach, weil es sich halt niemals mehr ändern lässt. Aber der Regisseur sagt mittlerweile, der Moritz Bleibtreu hat das ganz gut gespielt.

Also nie wieder unter der eigenen Regie spielen?

Nicht notwendigerweise. Wenn, dann schreibe ich’s von Anfang an auch gleich für mich. Damals hatte ich beim Schreiben eher an eine Art Bryan Cranston gedacht.

Also älter?

Älter auch. Vor allem auch weniger physisch. Etwas gesetzter, unscheinbarer, irgendwie weniger dominant. Nach der Hälfte der Drehzeit hatte ich aber meinen Frieden damit gemacht. Dieses Kompromisseschließen fiel mir als Regisseur am schwersten. Aber ohne kommt man einfach nicht aus. Ein Film wird von mehr als 50 Menschen gemacht. Wenn ich dann als Regisseur nie auf die Vorschläge der anderen eingehe und nicht zuhöre, kann das nur schiefgehen. Als ich endlich begriffen hatte, dass ich auf jeder Position granatengute Leute habe, auf deren Urteil ich mich auch verlassen kann, da war ich fast schon wieder entspannt.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.