Start der zweiten Staffel

Neue Folgen der Erfolgsserie Vorstadtweiber: „Man inhaliert die Bösartigkeit“

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Bereit für neue Intrigen: Sabine Herold (Adina Vetter, von links), Maria Schneider (Gerti Drassl), Nicoletta Huber (Nina Proll), Caroline Melzer (Martina Ebm) und Waltraud Steinberg (Maria Köstlinger).

Am Dienstag startet die zweite Staffel von Uli Brées Erfolgsserie „Vorstadtweiber“. Die ARD zeigt die neuen Folgen dienstags ab 20.15 Uhr. Wir sprachen mit dem Drehbuchautor über die Stimmung der Serie und die Figuren.

Das Luxusleben liegt in Trümmern. Von den schicken Kleidern und Tortengelagen, von der Villenpracht und dem Kick so mancher Affäre war nach zehn Folgen wenig übrig geblieben. Doch nun drehen die Wiener „Vorstadtweiber“ wieder auf und schmieden neue Intrigen. Die erfolgreichste österreichische Serie seit Jahrzehnten startet heute wieder im Ersten. Regie führen Harald Sicheritz und Sabine Derflinger, Kultautor Uli Brée schrieb das Drehbuch.

Herr Brée, wie würden Sie die Stimmung der Serie beschreiben?

Brée: Lügen, Intrigen und Abgründe machen das Format aus. Es gibt keine Guten und keine Bösen, jeder ist Opfer und Täter. Wir begleiten die Figuren gern und können ihr Handeln vielleicht nicht logisch, aber auf jeden Fall emotional nachvollziehen. Und das ist entscheidend, denn Logik ist langweilig. Wenn Sie sich Ihr Leben anschauen, würden Sie auch sagen: Ich habe viele emotionale Entscheidungen getroffen, die jeglicher Logik entbehren.

Wie kann man die Geschichten weiterspinnen, am Ende der ersten Staffel lag ja alles in Trümmern?

Brée: Alle raufen sich erst mal scheinheilig zusammen und tun so, als seien sie beste Freundinnen. Und dann geht die Schose halt wieder los.

Wer wird sich zur wichtigsten neuen Figur entwickeln?

Drehbuchautor Uli Brée.

Brée: Die Sylvia, die Ex-Frau vom Hadrian. Die wirkt, hart gesagt, wie einem Rosamunde-Pilcher-Film entsprungen. Wahnsinnig lieb und nett, aber dann kommen immer mehr Abgründe zutage. Wie die endet, kann ich nicht verraten. Dann ist noch die Vanessa neu, die ihr Baby in einem Nobelkindergarten anmeldet, noch bevor sie schwanger ist. Damit ihr Kind mit Arztkindern networken kann. Man kann nicht früh genug mit dem Arschkriechen anfangen. Diese Figur ist oberflächlich angelegt, kriegt aber auch eins drauf und macht später eine Wandlung durch.

Sie sagten mal, in allen Figuren steckt etwas von Ihnen selbst. Was ist das?

Brée: Lebenserfahrung. Ich bin ein bisschen älter als meine Figuren, aber was ich im Zwischenmenschlichen erfahre, wo ich Fehler mache, so etwas gebe ich den Figuren mit.

Können Sie sich mit einer Figur besonders identifizieren?

Brée: Vom Schmäh her war das am Anfang die Waltraud. Dann liebe ich sehr die Maria, die naive Hausfrau, die viele gern mögen. Seit Neuestem mag ich sehr gern den Joachim Schnitzler, den Politiker. Das ist quasi der von mir entwickelte Frank Underwood, wie der Böse aus „House of Cards“. Der hat zwei Menschen umgebracht, ist ein totales Arschloch. Aber man mag den, man geht mit dem Typen mit. Man inhaliert sozusagen seine Bösartigkeit.

Warum funktioniert das?

Brée: Auch wir haben Abgründe in uns, auch wir haben viele Leute gekränkt und egoistisch auf Kosten anderer gehandelt. Nur halt nicht in so einem Ausmaß.

Eine Reaktion ist Empörung - Frauen seien doch gar nicht so. Was erwidern Sie darauf?

Brée: Ja, „Vorstadtweiber“ ist politisch nicht korrekt. Die Frauen hier schupfen nicht locker den Job und die Kinder und sind außerdem noch integer und fesch. Diesem Ideal-Frauenbild entsprechen sie nicht. Deshalb regt das auf. Übrigens nur das Feuilleton, nicht das Publikum.

Immer wieder sagen Ihre Figuren Formulierungen wie „Du gehst mir am Nerv“ - Welche Rolle spielt das Wienerische?

Brée: Wenn ich so etwas für Hamburg schreiben würde, würde das anders aussehen. In Wien ist die Bussi-Bussi-Gesellschaft schon sehr ausgeprägt, dieses Vorne-lieb-Sein, aber hinter dem Rücken schlechtreden. Es ist eine große Neidgesellschaft.

Wie dosieren Sie diese extremen Kontraste im Skript?

Brée: Man darf meine Arbeit nicht überbewerten: Das ist einfach Fernsehunterhaltung. Unterhalten tut es etwa dann, wenn man glaubt zu wissen, wohin eine Figur geht, und dann schlage ich als Autor einen Haken und die Figur macht was anderes. Dadurch bleiben die Zuschauer dran.

Das tun sie: „Vorstadtweiber“ ist die erfolgreichste österreichische Serie seit 20 Jahren.

Brée: In Österreich ist der Hype ja noch viel ärger als in Deutschland. Das ist wie ganz früher mit „Wetten, dass ..?“. Man verabredet sich und schaut die Folgen zusammen. Die Serie ist gesellschaftliches Gesprächsthema und bewegt enorm. Toll, dass man das überhaupt noch hinkriegt.

Zur Person

Uli Brée (52, geschieden, drei Kinder) aus Dinslaken lebt in Tirol in einer Fernbeziehung. Nach Ausbildungen als Clown und Schauspieler entwickelte er Kabarettprogramme, ein Musical und drei Kinderbücher. Seit 1995 arbeitet er für den ORF und schreibt vorwiegend Drehbücher für Filme und Fernsehserien, etwa die österreichischen „Tatort“-Folgen. Zu seinen Hobbys gehört Motorradfahren.

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