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Neue Netflix-Show: Benimm als Weg zu sich selbst

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Von: Bettina Fraschke

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An der Teetafel: Sara Jane Ho in ihrer Show „Mind your Manners“.
An der Teetafel: Sara Jane Ho in ihrer Show „Mind your Manners“. © James Gourley/Netflix

Die Netflix-Serie „Mind your Manners“ mit einer chinesischen Etikette-Trainerin ist mehr als ein Kurs im richtigen Umgang mit Besteckteilen. Sara Jane Ho will vielmehr ihre Schüler umfassend bilden, um ihnen mehr Selbstsicherheit zu vermitteln.

Sara Jane Ho fängt gern mit dem großen Besteck an. Mit einer englischen Teetafel voller Sandwiches und Törtchen. Dazu schenkt sie formvollendet Tee ein und vergibt knifflige Aufgaben wie diese: Lege den Löffel so auf die Untertasse, dass er auf 20 nach 10 zeigt. Die Hongkonger Etikette-Trainerin geht zu Beginn ihrer Schulung stets ganz klassisch ans Thema Manieren ran. „Mind your Manners“ (Achte auf deine Manieren) heißt ihre Show, die auf Netflix neu erschienen ist. Wie buttere ich ein Brot, wie trinke ich Wein, ohne Lippenstift ans Glas zu schmieren? Solche Fragen einer klassischen Etiketteausbildung klärt sie präzise, korrigiert notfalls auch mehrfach, wenn jemandem das korrekte Umrühren in der Teetasse nicht gelingt.

Dahinter steht der Mensch als Ganzes. Sara Jane Ho begreift Etikette als Weg in die Freiheit, und das scheint nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein, wenn man sich zwischen den vielen Gabeln auf der Menütafel zu verheddern droht. Ihre Botschaft: Nur, wenn wir wissen, wie man sich angemessen verhält, fühlen wir uns frei. Erst dann können wir uns selbstbewusst und von unserer besten Seite zeigen.

In korallenrote und fuchsiafarbene Ensembles gekleidet wirkt die Enddreißigerin, die nach US-Eliteunis als Investmentbankerin gearbeitet und dann in Peking und Schanghai Benimmschulen gegründet hat, wie eine makellose Superheldin der Knigge-Ritter. Aber: Mit nur einer hochgezogenen Braue unter verachtendem Blick und mit auch mal rührungsfeuchten Augen beweist sie von Anfang an viel Witz und Herz.

Die Menschen, die sie berät, haben unterschiedliche Probleme. Während Vollzeitmutter Raishel zurück in den Job möchte, stellt Christy fest, dass sie sich optisch ziemlich vernachlässigt hat. William fragt sich, warum er keine Freundin findet, und Bunny Yan ist nur schwer davon zu überzeugen, dass eine 39-Jährige nicht im Ganzkörper-Leoparden-Anzug auf die Straße gehen sollte.

Ihr verpasst Sara Jane Ho ein Qipao, das klassische chinesische Kleid: So figurbetont geschnitten, verändert es die Selbstwahrnehmung sofort, erfordert einen bewussten Gang und bewirkt insgesamt mehr Zusammenriss. Sie trainiert mit ihren Klienten Bogenschießen, um Zielstrebigkeit zu fördern, beurteilt ihr Tinder-Profil und gibt Gestaltungstipps für die Wohnung.

In fröhlichen Einspielfilmen blendet die Show in ihre Benimmschule und zeigt, wie chinesische Karrierefrauen für den Weg nach oben die richtige Aussprache von europäischen Luxusmarken lernen. Jetzt alle: „Gucci!“. Sehr charmant und augenzwinkernd. Größte Hürde ist dabei das weiße Gold, dafür hat Sara Jane Ho aber einen besonderen Trick: Wer „Königliche Porzellanmanufaktur“ sagen will, müsse nur an erotische Unterwerfungspraktiken denken – das erleichtere die korrekte Aussprache.

Von Bettina Fraschke

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