Interview mit "Polizeiruf"-Regisseur: „Hier ermittelt der Mörder“

Drehten die Hälfte der 23 Drehtage im künstlichen Regen: Regisseur Marco Kreuzpaintner (links) und Hauptdarsteller Matthias Brandt (Hanns von Meuffels). Foto: br

Mit Marco Kreuzpaintner hat ein weiterer prominenter Kinoregisseur einen "Polizeiruf" gedreht. Im Interview erklärt er, warum Fernsehen toll ist und Til Schweiger Komplexe hat.

Glaubt man Marco Kreuzpaintner, ist Fernsehen das neue Kino. „TV und Streamingdienste sind tolle Medien, in denen mittlerweile ein großer Teil der Filme stattfindet, den man früher im Kino sah“, sagt der Erfolgsregisseur („Krabat“). Für den Münchner „Polizeiruf 110“ hat der 38-Jährige mit Matthias Brandt und Karl Markovic („Die Fälscher“) nun die Folge „Und vergib uns unsere Schuld“ (diesen Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) gedreht, die Kinoqualität hat.

Auch nach zehn Episoden gilt der Münchner Kommissar Hans von Meuffels noch als Mann ohne Eigenschaften. Was unterscheidet ihn von anderen TV-Kommissaren? 

Marco Kreuzpaintner: Matthias Brandt hat seine Rolle so angelegt, dass er das Stille sucht in einer Zeit, die unglaublich laut ist. Er geht mit Respekt, Höflichkeit und Empathie vor. Mittlerweile wird in vielen Krimis der eigentliche Fall zum Aufhänger privater Probleme gemacht. Zudem sieht man Polizisten, die neben Toten Witzchen reißen. Das kommt mir, der humanistisch erzogen wurde, wie ein Schlag in die Fresse vor. Bitte: Da liegt immer noch ein toter Mensch. Lasst uns nicht abstumpfen.

„Und vergib uns unsere Schuld“ ist ungewöhnlich, weil ein Mann hier alles daransetzt, seine Schuld an einem zehn Jahre zurückliegenden Frauenmord zu beweisen. Auch Kommissar von Meuffels muss sich seiner Schuld stellen. Was hat Sie an dem Fall gereizt? 

Kreuzpaintner: Genau diese dramaturgische Absonderlichkeit. Heute ist es nicht mehr leicht, ein Spiel mit Genres zu betreiben, das man noch nicht kennt. Als ich das Drehbuch las, dachte ich: Das ist ja sehr einfallsreich: Hier ermittelt der Mörder, und der Kommissar wehrt sich eher dagegen.

Für Sie war es die erste Regiearbeit fürs Fernsehen. Welche Vorurteile hatten Sie gegenüber dem TV-Betrieb? 

Kreuzpaintner: Ich mag es nicht, wenn sich Kollegen zu Opfern stilisieren. Im Vergleich zu den meisten anderen Jobs ist Filmemachen ein toller Beruf, die Kritik ist meist Jammern auf hohem Niveau. Ohne meinen Kollegen zu nahe treten zu wollen, aber viele Probleme haben mit ihrem Auftreten zu tun. Da gibt es das klassische Genie-Denken, das seit 70 Jahren überholt ist. Dabei sollte man doch die Arbeit im Team honorieren.

Die Produzenten des BR mussten Ihnen aber technisch aufwendige Wünsche erfüllen.

Kreuzpaintner: Ich hatte die Hälfte der 23 Drehtage künstlichen Regen. Wenn man diesen Wunsch in der ersten Produktionsbesprechung äußert, guckt man erst einmal in versteinerte Gesichter, die zu sagen scheinen: „Der ist ja verrückt.“ Aber meine Produzentin hat es möglich gemacht.

Wieso ist der Münchner „Polizeiruf“ so attraktiv für Kino-Regisseure wie Dominik Graf, Andreas Petzold und Sie? 

Kreuzpaintner: Weil das Umfeld attraktiv ist. Man spürt, dass am Münchner „Polizeiruf“ Redakteure mitwirken, die Filmemacher sind und nicht Programmfüller. Zudem reizt viele Kollegen die Arbeit mit Matthias Brandt, der ein ganz außergewöhnlicher Schauspieler ist. Wäre Matthias in England aufgewachsen, wäre er längst ein Weltstar wie Colin Firth.

Ihr „Polizeiruf“ ist ein Ereignis. Trotzdem: Langweilen Sie die vielen TV-Krimis nicht auch? 

Kreuzpaintner: Total. Das ist so ermüdend wie die Fülle an romantischen Komödien im deutschen Kino. Was früher die Heimatfilm-Schmonzette war, sind nun die Witzeleien vor schönem Hintergrund. Statt Bergen sieht man Berlin-Mitte. Bei den Krimis ist der Zenit längst überschritten.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Kritik von Til Schweiger an „Tatort“-Kollegen gelesen haben, die ihr schmales Budget für „zwei moppelige Kommissare“ an der Würstchenbude verschwenden, wie er lästerte? 

Kreuzpaintner: Ich habe mit dem Kopf geschüttelt. So etwas hat er doch gar nicht nötig. Offensichtlich leidet Schweiger an einem Komplex, sich ständig mit anderen vergleichen zu müssen. Nur weil jemand Millionen verdient hat, heißt das nicht, dass er auch die besten Kritiken bekommen muss.

Zur Person 

Geboren: am 11. März 1977 in Rosenheim

Ausbildung: Kunstgeschichtsstudium in Salzburg, als Filmemacher Autodidakt

Wichtigste Filme: „Ganz und gar“ (2003), „Sommersturm“ (2004, hier verarbeitete Kreuzpaintner sein Coming-out), „Krabat“ (2008), „Coming In“ (2014)

Privates: Lebt nach Jahren in Berlin mit seinem Mann in der Nähe von München

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.