Interview

Regisseur Petzold über Münchner „Polizeiruf": "Von Meuffels macht mehr Arbeit“

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Arbeiteten zum zweiten Mal für den Münchner „Polizeiruf“ zusammen: Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold (Mitte) mit den Kommissaren Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Constanze Hermann (Barbara Auer).

Christian Petzold ist einer der wichtigsten deutschen Filmregisseure. Auch sein Münchner "Polizeiruf" ist ein Ereignis. Im Interview erklärt er, warum ihn das deutsche TV langweilt.

Mit dem TV-Programm von heute kann Christian Petzold (55) nicht viel anfangen. „Früher konnte man sich beim Fernsehen darauf verlassen, dass man überrascht wird und nicht verblödet“, sagt der Regisseur unserer Zeitung. Es ist ein Segen, dass in diesem Fernsehen trotzdem noch Platz ist für einen der wichtigsten deutschen Filmemacher („Barbara“).

„Wölfe“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) ist sein zweiter BR-„Polizeiruf“ aus München mit Matthias Brandt und Barbara Auer und erneut ein Ereignis. Es geht um ein grausig entstelltes Mordopfer, US-Horrorfilme werden zitiert, sogar ein Werwolf taucht auf, und der einsame Wolf Hans von Meuffels findet in seiner Kollegin Constanze Hermann endlich die große Liebe.

Auch nach elf Episoden gilt Hanns von Meuffels noch als Mann ohne Eigenschaften. Was unterscheidet ihn von anderen TV-Kommissaren? 

Christian Petzold: Er ist ein gescheiterter und geschlagener Mensch. Man sieht in sein Gesicht und weiß: Der hat was erlebt. Was genau, weiß man nicht. Das gefällt mir. Ich glaube auch, dass er der einzige TV-Kommissar im deutschen Fernsehen ist, der keinen Sidekick hat. In anderen Krimis gibt es immer mindestens zwei Leute. Das hat einen einfachen Grund: Die Figuren sollen viel miteinander sprechen, damit man nicht alles zeigen muss. Hanns von Meuffels macht dem Zuschauer hingegen mehr Arbeit. Wir müssen erraten, was er gerade denkt. Seine Figur ist erwachsener und eher dem Kino verpflichtet.

Ohne die Metapher überstrapazieren zu wollen: Er ist ein einsamer Wolf. 

Petzold: Ja, deshalb hat es mich gereizt, mit Constanze Herrmann eine einsame Wölfin in sein Revier eindringen zu lassen. Schon beim Dreh zu "Kreise" war eine solche Energie zu spüren. Die beiden haben mich quasi auf die Wolfsfährte gebracht.

Man kann Ihren Krimi auch als Allegorie auf die Angst vor der Bedrohung durch das Fremde lesen. Inwiefern ist "Wölfe" ein politischer Film? 

Petzold: Das arbeitet im Hintergrund mit. Ich finde den Fall ungemein interessant. Es geht um die faschistischen Grauen Wölfe in der Türkei, die Angst vor Fremden und Mobbing. Zugleich spürte ich: Die beiden Figuren sind mittlerweile so offen, dass sie bereit sind zu lieben. Liebende sind immer ein bisschen asozial. Die küssen sich in aller Öffentlichkeit. Es ist ihnen egal, ob sie jemandem auf die Nerven gehen. Von Meuffels und Herrmann sind fantastische Kommissare, aber sie nehmen gar nicht mehr wahr, was um sie herum passiert. Weil ihre Liebe so stark ist, entdecken sie die Hauptspur nicht. Dafür werden sie am Ende fast bestraft.

Der Film ist auch eine Romanze. Was ist das für eine Art von Liebe, die die beiden Hauptfiguren verbindet?

Petzold: Zwischen 13 und 19 hatten wir alle eine Liebe, die sehr einfach ist. Da schreibt man sich Zettel und fragt: "Gehst du mit mir? Oder man tanzt sich an - nicht am Kölner Hauptbahnhof, aber in der Dorfdisko. Dafür sind die beiden zu alt. Die haben sicher schon einige schmerzhafte Erfahrungen gemacht. Sie sind zugepanzert. Jetzt entdecken sie die Liebe durch Gefährtentum, weil der jeweils andere so großartig arbeitet. Der einsame Wolf kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass er ein Rudel findet. Jetzt finden sich zwei einsame Wölfe und merken: Da geht noch was?

Und: Geht da noch was? 2017 drehen Sie ja einen dritten "Polizeiruf" mit den beiden. 

Petzold: Das weiß ich noch nicht. Ich hoffe aber, dass sie sich endlich mal küssen. Bislang gab es nur einen verzweifelten Abschiedskuss in "Kreise". Aber ich habe das Gefühl, dass die Geschichte vorbei ist, wenn sie sich mal richtig geküsst haben. Dann lösen sie keinen Fall mehr.

Mit den Schauspielern haben Sie im Vorfeld amerikanische B-Movies geschaut. Das klingt nach einer ungewöhnlichen Vorbereitung. 

Petzold: Genau. Manchmal führt man mit Schauspielern blöde Psychologiegespräche und fragt Sachen wie: "Was könnte mir in meiner Kindheit passiert sein?" Stattdessen haben wir uns über die Filme unterhalten und uns so viel besser kennengelernt. Unter anderem haben wir "Der Schrecken vom Amazonas" von Jack Arnold gesehen. Ein wahnsinnig gut erzählter Horrorfilm, den ich mit zwölf Jahren an einem Samstagabend im ZDF gesehen habe und der mir damals einige schlaflose Nächte bereitet hat. Darin ist die Geschichte von "Die Schöne und das Biest" verborgen. Es gibt eine Szene, in der eine wahnsinnig schöne Frau an der Wasseroberfläche schwimmt und darunter das Biest. Die Bestie könnte die Frau zerreißen, aber sie verliebt sich in sie. Darum wird das Biest später sterben. Die Geschichte hat etwas Erotisches und Gefährliches. Gemeinsam haben wir uns darüber unterhalten, ob der Werwolf, der im "Polizeiruf" auftaucht, ebenfalls etwas Erotisches haben kann.

In den USA gelten Sie als eine der wichtigsten Inspirationen für das Independent-Kino. In Europa wurden Sie gleich mit drei Retrospektiven geehrt. Wie fühlt es sich an, als Regisseur im Museum angekommen zu sein? 

Petzold: Zuerst dachte ich, dass ich damit eher in Friedhofsnähe statt ins Museum komme. Dann fand ich es aber sehr schön, weil ich selbst ein bisschen Bilanz gezogen habe. Mein bester Freund Harun Farocki, mit dem ich lange zusammengearbeitet hatte, war gestorben. Ich hatte auch das Gefühl, das Fernsehen und das Kino neu denken zu müssen. Insofern kamen die Rückschauen gerade recht.

Wie denken Sie jetzt anders über das Filmemachen? 

Petzold: 20 Jahre lang habe ich US-Serien geschaut - von den "Sopranos" bis zu "True Detective". Fast genauso lang wollte ich eine eigene Serie drehen. Aber darauf habe ich jetzt keine Lust mehr. Ich will jetzt lieber Kurzgeschichten machen statt Romane. Serien nächtelang durchzugucken - das ist mir mittlerweile zu viel. Außerdem denke ich: Wenn wir in Deutschland jetzt auch noch Serien nach US-Vorbild machen, dann wird das ein bisschen so wie die Produktion des Trabant in der DDR. Vielleicht wird es aber auch gut. Hier gibt es ja auch eine Menge zu erzählen.

Für einen opulenten Soundtrack waren Ihre Filme bislang nicht bekannt. Nun gibt es mit "Rain" und "Anyone Who Had A Heart" gleich zwei zentrale Songs. Welche Bedeutung haben die beiden Lieder? 

Petzold: Ich liebe die beiden Lieder schon lange. "Rain" von Martin Stephenson and the Daintees habe ich zum ersten Mal in den 80ern als Student gehört, als ich eine Katze hatte. Darin wird eine Katze besungen, der es in einer einsamen Regennacht gut geht, weil sie zu Hause ist. Immer wenn ich das Lied hörte, wusste ich, dass es auch meiner Katze gut geht. Im Film gehören beide Lieder zur Liebesgeschichte. Die Songs gehören den Liebenden.

Stimmt es, dass Katzen anders als Hunde ihre toten Herrchen auffressen, wenn Sie Hunger haben und überleben wollen, wie es der Zoologe im Film sagt? 

Petzold: Das hat mir vor 15 Jahren mal jemand von der Gerichtsmedizin gesagt, dem man vertrauen kann. Eigentlich hasse ich Szenen in der Gerichtsmedizin. Ich wollte niemals eine drehen. Dann dachte ich aber: Wenn, dann richtig, am besten 20 Minuten lang. Die Kulisse habe ich sogar extra bauen lassen, damit sie mal anders aussieht als eine echte Gerichtsmedizin. Das Licht wirkt darin wie in einer Kathedrale.

Sie haben vor einiger Zeit mit dem Rauchen aufgehört. Ist das der Grund, warum Hanns von Meuffels und Constanze Hermann so viel qualmen müssen? 

Petzold: Ja, beim Drehbuchschreiben habe ich gemerkt, dass jeder zweite Satz lautete: "Er zündete sich eine Zigarette an." Am Set haben Matthias Brandt und ich sogar gemeinsam die letzte Zigarette geraucht. Wir haben gemeinsam aufgehört. Allerdings rauche ich jetzt noch elektrisch. Irgendein Ersatz musste her.

Welchen dramaturgische Aufgabe hat die Zigarette? Die Figuren könnten doch auch anders Dampf ablassen. 

Petzold: Ich finde, beim Film haben sich ganz viele Dinge durch den Gesundheitswahn und auch die Digitalisierung verändert. Früher konnte durch die Zigarette sehr viel erzählt werden. Wenn jemand am Fenster eine Zigarette rauchte und in sich war, konnte man seine Gedanken und Träume fühlen. Oder wenn sich eine Schallplatte drehte, war die Musik wie reproduziert. In dem Moment drehte sich alles um die Musik. Das Display eines iPod kann man hingegen nicht filmen. Und das Nichtrauchen ist so langweilig. Andererseits sind Raucherfilme heute so etwas Besonderes, dass ich glaube, dass von Meuffels und Herrmann im dritten Teil aufgehört haben.

Wieso ist der Münchner "Polizeiruf" so attraktiv für Kino-Regisseure wie Dominik Graf, Marco Kreutzpaintner und Sie? 

Petzold: Zum einen ist Matthias Brandt ein fantastischer Schauspieler. Zum anderen erwartete mich beim BR immer eine sehr loyale Redaktion. Man bekommt größtmögliche Freiheiten. Niemand hat mir reingeredet. Diese Freiheit schlägt sich auch in der Produktion nieder. Das ist nicht selbstverständlich. Oft bekommt man im Fernsehen etwas vorgesetzt, bei dem man merkt: Hier haben sieben Leute am Drehbuch herumgefuhrwerkt.

Langweilen Sie die vielen TV-Krimis nicht auch? 

Petzold: Krimis sind ein spannendes Genre, weil sie Untersuchungen darüber sind, wie wir leben. Aber längst gibt es zu viele. Als unsere Kinder noch kleiner waren, habe ich nach dem Zubettbringen sehr viel Fernsehen geschaut. 16 Jahre lang habe ich fast alles gesehen, was um 20.15 Uhr lief.

Das tut mir leid für Sie. 

Petzold: Da waren schlimme Sachen dabei. Vor allem vermisse ich heute das internationale Kino, das aus dem Fernsehen zur besten Sendezeit verschwunden ist, weil die Filme nur 90 Minuten lang sein dürfen. Früher kamen tolle Spielfilme aus Frankreich oder Spanien. Heute laufen überall Eigenproduktionen wie Pilcher und der Degeto-Unsinn sowie Sachen wie "Die schönsten Talsperren aus dem Weserbergland". Man ist nur noch mit dem eigenen Land beschäftigt. Das finde ich furchtbar. Früher konnte man sich beim Fernsehen darauf verlassen, dass man überrascht wird und nicht verblödet. Meine Kinder schauen nur noch Netflix.

Aber an diesem Sonntag schauen Ihre Kinder doch den "Polizeiruf", oder? 

Petzold: Das schon. Ich gehe dann aber meistens Kaffeetrinken. Hinterher werden sie mich wieder verarschen. Das weiß ich jetzt schon. Sie werden sagen, dass sie nach 20 Minuten ausgestiegen seien. Dabei sind sie schon stolz auf mich.

Zur Person

Geboren: am 14. September 1960 in Hilden bei Düsseldorf

Ausbildung:  Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften. Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie

Wichtigste Filme: „Die innere Sicherheit“ (2000), „Gespenster“ (2005), „Barbara (2012), „Phoenix“ (2014)

Status: Petzold gilt als einer der wichtigsten deutschen Regisseure und wurde gerade mit drei großen Retrospektiven geehrt.

Privates: Vater zweier Kinder (20 und 16). Lebt mit seiner Familie in Berlin.

Nächstes Projekt: Petzold verfilmt Anna Seghers Roman „Transit“. Mit dem Drehbuch dazu musste er wieder von vorn anfangen, nachdem auf einer USA-Reise sein Laptop im Kofferraum seines Wagens in der Wüste von Nevada zerschmolz.

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