Medienpsychologe Leonard Reinecke im Interview

Im Serien-Bann: Was Zuschauer von Netflix und Co. auf der Couch versinken lässt

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Die Hauptcharaktere von „Fuller House“: Kimmy Gibbler (Andrea Barber, links), Stephanie Tanner (Jodie Sweetin), D.J. Tanner (Candace Cameron Bure) und ihr Baby.

Nach der wievielten Folge einer Serie wird man in ihren Bann gezogen? Das wollte Netflix in einer Studie herausfinden. Wir haben einen Medienpsychologen zu den Ergebnissen befragt.

Der Internet-TV-Sender Netflix hat in einer Studie bestimmt, ab welcher Folge Zuschauer zu Fans werden. Das wurde dadurch definiert, dass 70 Prozent der Zuschauer einer Folge die Staffel auch zu Ende geschaut haben.

In Deutschland waren die Netflix-Gucker im Schnitt nach Folge drei gefesselt. Das ist eine Folge früher als im Jahr zuvor, meldet Netflix. Dasselbe gilt für den internationalen Vergleich. Medienpsychologe Leonard Reinecke von der Universität Mainz spricht im Interview über Serien und ihre Kraft zu Fesseln.

Wenn Serien einen so gut fesseln können, kann man auch davon süchtig werden? 

Leonard Reinecke: Nein. Durchaus realistisch ist es aber sicher, dass man quasi in der Couch versinkt und eine Serie viel länger schaut, als man es eingeplant hatte. Das ist in den allermeisten Fällen aber wohl eher Ausdruck der Begeisterung und hat nichts mit Sucht zu tun.

Was sagt uns die Studie von Netflix? 

Reinecke: Die Studie vermittelt sehr gut, welche Psychologie hinter dem Schauen von Serien steckt. Einen Einblick in den allgemeinen Publikumserfolg von Netflix-Serien gibt sie aber nicht. Dazu wäre es interessanter zu erfahren, wie viele Menschen eine Serie zwar antesten, nach den ersten eins, zwei Folge aber aussteigen.

Was für eine Psychologie steckt denn dahinter? 

Reinecke: Menschen sind fasziniert von guten Geschichten. Serien gelingt es, gerade zu Beginn einer Staffel, sehr gut, den Zuschauer mit Figuren, der Erzählweise und der Story vertraut zu machen. Sie sind so fesselnd, weil sie es schaffen, eine Beziehung zu den Charakteren zu vermitteln.

In den 80er-Jahren wurden Serien erfolgreich. Daily-Soaps wie GZSZ sind immer noch im TV beliebt. Was unterscheidet Serien auf Netflix und Co. davon? 

Reinecke: Die Anbieter haben eine neue Ära von Serien eingeläutet. Entscheidend sind dafür zwei Entwicklungen. Zum einen das Mehr an Qualität und Tiefgang. Amerikanische Serien bewegen sich in Sachen Aufwand und Kosten auf dem Niveau einer kleinen Hollywoodproduktion. Auch die Geschichten haben sich verändert - von Sitcoms oder Daily Soaps mit flachem Handlungsverlauf zu Formaten, die zum Beispiel mit zwielichtigen Antihelden arbeiten.

Der zweite Vorteil von Anbietern wie Netflix ist die On-Demand-Revolution, also dass ich etwas ständig abrufen kann. War ich früher auf den Willen oder Unwillen eines Senders angewiesen, bin ich nun mein eigener Programmdirektor.

Nach den Ergebnissen der Studie: Wie wird sich das Angebot von Serien entwickeln? 

Reinecke: Es wird immer zentrale Serien für den Mainstream geben. Daneben sehe ich eine stärkere Ausdifferenzierung hin zu mehr Special-Interest-Serien kommen. Dadurch, dass Anbieter wie Netflix global veröffentlichen, lohnen sich stellenweise auch Serien, die eigentlich nur einen sehr speziellen Nutzerkreis ansprechen.

Hintergrund zur Netflix-Studie: 

Die Studie hat Zuschauer aus 35 Ländern beim Gucken der ersten Staffel von 26 ausgewählten Serien beobachtet. Bei „American Horror Story“ und „Fuller House“ war es die vierte Folge, bei „Gilmore Girls“ dauerte es bis Folge sieben, bis die Zuschauer überzeugt waren. Nach Folge zwei fesseln konnten „Stranger Things“ oder „The Get Down“. Netflix ist kostenpflichtig und hat 83 Millionen Mitglieder in 190 Ländern.

Zur Person 

Dr. Leonard Reinecke ist 34 Jahre alt und Juniorprofessor für Online-Kommunikation an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Nach dem Psychologiestudium promovierte er 2010 zum Themenkomplex „Erholung und psychologische Bedürfnisbefriedigung bei der Nutzung von Unterhaltungsmedien“.

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