Er hat das Fernsehen geprägt

Tschüss, Killerplauze: Stefan Raab verabschiedet sich doppelt

Stefan Raab schaffte es hoch hinaus: Für Pro 7 machte er sogar Sportarten wie das „TV total Turmspringen“ zur Attraktion.

Doppelter Abschied für Stefan Raab: Gleich zwei Sendungen von und mit Stefan Raab laufen in dieser Woche aus. Wir erinnern noch einmal persönlich an den Moderator.

An diesem Mittwoch (23.10 Uhr, Pro 7) moderiert Stefan Raab (49) zum letzten Mal „TV total“. Am Samstag steigt die letzte Ausgabe von „Schlag den Raab“.

Die Anfänge 

Hatte schon früh den Durchblick: Stefan Raab Mitte der 90er beim Musiksender Viva.

Knallige Blumenhemden schlabberten am Moderator, um ihn herum glitzerte die Dekoration seines Studios wie eine Mischung aus Kindergeburtstags-Deko und Sperrmüllsammlung. Dort mussten sich die Gäste stets auf Mini-Hocker kauern. Stefan Raabs Fernsehanfänge waren großartig anarchisch, wild und kreativ.

Zwischen 1993 und 1998 lief auf dem Musiksender Viva die Show „Vivasion“ - das war sozusagen der Jugendclubraum des Fernsehens. Eine Nische, in der ein schlauer junger Typ wie Raab sich ausprobieren konnte, aber auch abhängen und die Wände anmalen. Bestimmt war ich damals schon älter als der Durchschnitt der Zuschauer, aber diese kreative und witzige Kraft, diese überbordenden Einfälle, fand ich richtig toll.

Viele Ideen wurden hier entwickelt und dann in seinen großen Shows kultiviert, etwa die witzigen TV-Einspielschnipsel und das wunderbare Raabigramm, wo Raab zur Ukulele Promis ansingt und einfach schaut, wie die reagieren.

TV total 

Als „TV total“ im März 1999 auf Sendung ging, war ich 14, und Raab war angesagt. Sein Satz „Wir ham doch keine Zeit“, den er mit einem Tippen auf die Uhr sagte, wurde mir zum zeitlosen Alltagszitat. Regelmäßig verfolgte ich die Sendung - und die daraus entstandenen O-Ton-Fetzen und Lieder verfolgten mich über Radio und Musikfernsehen: Allen voran „Maschendrahtzaun“, ein Lied, das aus einem Nachbarschaftsstreit in der sächsischen Stadt Auerbach im Vogtlandkreis basierte.

Anfangs war das alles lustig: Raabs Einspieler von Menschen, die sich unglücklich ausdrückten oder verhielten, sein breites Grinsen, die wiederkehrenden Insider. Irgendwann wurde mir das aber alles zu blöd. Die Witze nutzten sich ab und aus der Satire wurde Verletzung. Bestes Beispiel: Ein Satz Lisa Lochs, die sich als 16-Jährige bei einer Miss-Wahl beworben hatte, wurde von Raab so häufig als Einspieler genutzt, dass, auch laut Gerichtsurteil, ihre Persönlichkeitsrechte verletzt wurden. Raabs „TV total“ wurde zunehmend stillos und ich schaltete nicht mehr ein.

Der Kämpfer 

Stefan Raab bei „Schlag den Raab“, der vielleicht letzten großen Samstagabendshow.

Lustig fand ich die blödelnden Lieder, als Raab „Böörti Vogts“ und die „Sendung mit der Maus“ besang. Imponiert hat mir der Kämpfer, dem alles zum Wettbewerb wurde - Singen, Turmspringen, Wokfahren auf der Bobbahn, Autofußball, Boxen. Von Regina Halmich wurde er ordentlich vermöbelt. Sein Ehrgeiz, unbedingt gewinnen zu wollen, war nicht immer sympathisch. Respekt aber nötigte mir der Biss der „Killerplauze“ ab, die Ausdauer, die Fähigkeit, Niederlagen eben doch wegzustecken.

„Schlag den Raab“ empfand ich als sein Show-Meisterstück. Ein einfaches Prinzip: Wettstreit Mann gegen Mann (seltener gegen Frau, nämlich nur in elf von 54 Ausgaben, nur einmal konnte eine Frau gewinnen), abwechslungsreiche Spiele, die viele Fähigkeiten fordern - die Spielshow konnte man auch schauen, wenn man kein Raab-Fan war, sofern man bis weit nach Mitternacht durchhielt: Bei 2.26 Uhr steht der Rekord. 38 Duelle gewann Raab, das sind 70 Prozent. Bis auf einen waren alle Kandidaten jünger als er. Diesen Samstag läuft „Schlag den Raab“ zum letzten Mal. Schade.

Der Musiker 

Im Jahr 2000 wurde er mit „Wadde hadde dudde da?“ beim Eurovision Song Contest Fünfter.

Als Stefan Raab anfing, habe ich seinen Humor verachtet. Wie konnte man über einen Metzgerssohn lachen, der 16-jährige Mädchen vorführte, nur weil sie Lisa Loch hießen? Das erste Mal geschmunzelt habe ich über Raab, als ich kein Wort verstand. Beim Eurovision Song Contest sang er im Mai 2000 „Wadde hadde dudde da?” und bewies, dass man beim Grand Prix auch als Deutscher Spaß haben kann. Zehn Jahre später entdeckte er Lena Meyer-Landrut und erfand den Wettbewerb neu.

Wie wichtig Raab für den deutschen Musikbetrieb ist, zeigt die Tatsache, dass die einzigen ernst zu nehmenden Casting-Sieger seine Schützlinge waren - Lena, Max Mutzke und Stefanie Heinzmann. Mit dem Bundesvision Song Contest bot er Musikern jenseits des Mainstreams zudem die einzige große TV-Bühne.

Den größten Respekt habe ich aber vor Raab, weil er vorgemacht hat, wie man würdevoll abtritt. Seine noch größeren Kollegen Thomas Gottschalk und Harald Schmidt drohen, zu Pausenclowns zu werden. Raab dagegen ist einfach weg.

Stefan Raab

Geboren: am 20.10.1966 in Köln

Ausbildung: Metzgerlehre im Betrieb der Eltern. Jurastudium (abgebrochen).

Karriere: Raab produzierte Werbejingles und moderierte bei Viva (1993 bis 1998), ehe er im März 1999 bei Pro 7 „TV total“ startete. Für den Privatsender moderierte er zahlreiche andere Formate. Nebenbei schrieb er Musik-Hits und suchte mit der ARD Kandidaten für den ESC. Raabs Produktionsfirma Brainpool hat 80 Mitarbeiter entlassen, Verfahren vor dem Arbeitsgericht Köln laufen.

Privates: Wohnt mit Lebensgefährtin und zwei Töchtern in Köln, schirmt sein Privatleben ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.