TV-Kritik

Flüchtlings-Thema bei Anne Will: Bautzen ist fast überall

Talk-Runde bei Anne Will

Bei "Anne Will" ging es nicht um die Berliner Wahl, sondern um den Konflikt zwischen Flüchtlingen und Rechten in Bautzen. Bemerkenswert war der Auftritt des Oberbürgermeisters.

Die Berliner Runde hat auch schon einmal bessere Zeiten erlebt. Früher ging es stets hoch her, wenn sich führende Politiker nach Wahlen zum Gesprächskreis bei ARD und ZDF zusammensetzten. Heute hat hat man das Gefühl, die Berliner Runde sei die Weltmeisterschaft der Phrasendrescher.

Es war darum keine schlechte Entscheidung, dass der ARD-Talk „Anne Will“ am Sonntag nicht die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus zum Thema hatte, sondern die Randale zwischen Flüchtlingen und Rechten im sächsischen Bautzen. Bemerkenswert war vor allem der Auftritt des parteilosen Kommunalpolitikers Alexander Ahrens, der seit vorigem Jahr Oberbürgermeister der 40 000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Dresden ist.

Motto der Sendung hätte der Leitspruch von Wills Kollegen Frank Plasberg sein können: „Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft.“

Ganz ohne Phrasen kam allerdings auch diese Runde nicht aus. Der linke Publizist Jakob Augstein („Der Freitag“) warf der sächsischen Polizei vor, „Teil des Problems zu sein“. Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen CDU, machte die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge für die Eskalation des Konflikts verantwortlich und unterschied in regelmäßigen Abständen zwischen guten und schlechten Migranten. All das hat man schon viel zu oft gehört: Augsteins Thesen von der Antifa, Kretschmers Parolen von der AfD.

Wie gut, dass Oberbürgermeister Ahrens Klartext redete. Der 50-Jährige verteidigte erst die Polizei des Freistaats und dann auch seine Bürger: „Wenn Bautzen wirklich ein rechtes Nest wäre, wäre ein linker Vogel wie ich niemals gewählt worden.“

Ahrens, der eigentlich Jurist und Sinologe ist, hatte sich nach den Vorfällen von Bautzen mit den Menschen auf dem konfliktträchtigen Bautzener Kornmarkt unterhalten - auch mit alkoholisierten und pöbelnden Rechten. Ob man mit denen wirklich reden darf, fragte Moderatorin Will allen Ernstes, deren Redaktion erneut niemanden von der AfD eingeladen hatte. „Man muss sogar mit denen reden“, antwortete Ahrens.

Auch sonst erteilte er der Runde Nachhilfe. Will fragte ihn, wieso Bundespräsident Joachim Gauck in Bautzen angepöbelt wurde. Ahrens erklärte, dass er das Staatsoberhaupt während seines Besuchs sechs Stunden begleitet hatte. Dann sei Gauck „30 Sekunden von sechs Leuten beschimpft worden“. Doch das sei das einzige, was die Medien interessiere.

Zuvor hatte er den Konflikt zwischen Flüchtlingen und Rechten als „niederschwellig“ bezeichnet. Im Berliner Stadtteil Neukölln, wo Ahrens lange gelebt hat, hätte niemand „wegen so was die Polizei geholt“.

Spätestens hier war man etwas ratlos und hatte den Eindruck, dass Experten aus Berlin ein lokales Problem erklären wollen, ohne wirklich Bescheid zu wissen. Die Bautzener werden sich von der Runde, zu der auch SPD-Vize Manuela Schwesig und der Extremismusforscher Hans-Gerd Jaschke gehörten, nicht verstanden gefühlt haben.

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