Ulrich Tukur im Interview: „Ich habe meine Eltern überfordert“

Haben eine komplizierte Vater-Sohn-Beziehung: Holger Lenz (Ulrich Tukur, links) und Linus (Simon Jensen). In der Waschmittelflasche befindet sich die vermeintliche Asche von Holgers Vater. Foto:  ard degeto/Hans-Joachim Pfeiffer

Die ARD zeigt heute Abend ab 20.15 Uhr die Tragikomödie „Herr Lenz reist in den Frühling" mit Ulrich Tukur. Wir sprachen mit ihm über seine Rolle, seine Jugend und seine Zukunftspläne.

Die Tragikomödie „Herr Lenz reist in den Frühling“ von Andreas Kleinert handelt vom Spießbürger Holger Lenz (Ulrich Tukur), der mit seiner Vergangenheit hadert und um seine Familie kämpft. 20 Jahre lang hat Holger seinen Vater Georg (Peter Franke) nicht gesehen, der seit der Wende in Thailand lebt. Als Holger von Georgs Tod und einem geerbten Appartement in Pattaya erfährt, reist er ins Land des Lächelns.

Herr Tukur, Sie verkörpern in „Herr Lenz reist in den Frühling“ die Figur Holger. Die Asche seines Vaters wird ihm in einer Waschmittelflasche übergeben. Was haben Sie gedacht, als Sie diese Szene zum ersten Mal gelesen haben?

Ulrich Tukur: Der Anfang des Films ist in der Tat skurril. Mir gefielen das Drehbuch und die Rolle, denn ich habe ganz selten die Gelegenheit, einen solchen Verlierer zu spielen. Holger Lenz ist eine vom Leben gebeutelte Figur: Er wird von seinem Sohn gehasst, von seiner Frau verachtet und von seinen Kollegen gemobbt.

20 Jahre lang hat Holger nichts von seinem Vater gehört. Dennoch ist er sehr betroffen von der Todesnachricht. Können Sie das nachvollziehen?

Tukur: Ja. Der Umgang der Generationen, die unmittelbar aufeinanderfolgen, ist immer schwierig. Kaum jemand, der nicht ein Problem mit seinem Vater oder seiner Mutter hätte. Holger konnte sich mit seinem Vater nicht aussprechen und natürlich trifft ihn das. Das trifft uns alle, wenn wir es nicht schaffen, am Ende Frieden mit unseren Eltern zu machen. Dann geben wir die Fehler an die nächste Generation weiter.

In Thailand erfährt Holger, dass sein Vater Georg noch lebt. Sein Tod war nur vorgetäuscht. Holger ist zutiefst verletzt und gekränkt. Wie viel Überwindung kostet es ihn, wieder auf Georg zuzugehen?

Tukur: Für Lenz ist es eine Riesenüberwindung, über den eigenen Schatten zu springen. Letztlich geht es ums Verzeihen. Wir mögen unsere Eltern nicht so, wie sie sind, und wollen sie nach unserem Bild formen. Sie sollen so sein, wie wir sie gern hätten - und das ist weder machbar noch statthaft. Auch bei mir hat es lange gedauert, bis ich meinen Frieden gefunden habe.

Wie lange denn?

Tukur: Mein halbes Leben. Erst jetzt kann ich loslassen und sagen: Ihr seid so, wie ihr seid, und das ist auch gut so. Das ist ein langer Prozess, der auch wehtun kann.

Holger lernt in Thailand auch sich selbst neu kennen. Was ist die wichtigste Lektion für ihn?

Tukur: Holger musste raus aus seinem Sicherheitsnetz. Erst wenn der Mensch richtig am Boden ist, kann er sich wieder aufrichten und neu aufstellen und vielleicht in Würde und größerem Einklang mit sich selbst ein neues Leben beginnen. Dazu brauchte Holger seine thailändische Erfahrung, den kompletten Zusammenbruch falscher Sicherheiten - wobei es auch jedes andere Land hätte sein können.

Welches Erlebnis in Thailand hat bei Ihnen am meisten Eindruck hinterlassen?

Tukur: Diese Diskrepanz zwischen dem Massentourismus in Pattaya und der wunderschönen Natur im Norden. Pattaya ist eine endlose, stampfende Party, ein Höllenlärm in der ganzen Stadt, alles definiert sich übers Geld. Der Norden dagegen ist unberührt und dort leben zauberhafte Menschen.

Der Sohn von Holger, Linus, steckt mitten in der Pubertät. Wie haben Sie gegen Ihre Eltern rebelliert?

Tukur: Ich habe mich nicht politisch gegen meine Eltern gewandt, wie das zu meiner Zeit oft der Fall war. Ich bin in einer bürgerlich-schwäbischen Familie groß geworden, in der das Leben rechtschaffen, aber auch sehr reguliert ablief. Mir war das zu langweilig, ich hatte eine unbändige Energie und Lebenslust. Damit habe ich meine Eltern oft überfordert. Ich muss im Nachhinein zugeben: Sie hatten es nicht leicht mit mir.

Werden wir Sie in dem Event-„Tatort“, der nächstes Jahr in Kassel gedreht wird, sehen?

Tukur: Da bin ich nicht dabei. Ist mir viel zu viel „Tatort“.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Tukur: Beim Münchner Filmfest feiert „Gleissendes Glück“ von Sven Taddicken mit Martina Gedeck als Partnerin Premiere. Der Film kommt im Herbst ins Kino. Und ich schreibe ein neues Buch, einen Roman. Die Geschichte, die ich erzählen will, zieht sich über ein Jahrhundert, von 2030 bis 1930. Sie läuft rückwärts - von der Zukunft in die Vergangenheit.

ZUR PERSON TUKUR

Geboren: am 29. Juli 1957 in Viernheim (Hessen)

Ausbildung: studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Universität Tübingen, absolvierte seine Schauspielausbildung in Stuttgart.

Karriere: erstes Engagement in Heidelberg, Filmdebüt in „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven, spielt den HR-„Tatort“-Ermittler Felix Murot.

Privates: in zweiter Ehe verheiratet, zwei Töchter, lebt in Venedig und Montepiano (Toskana).

Sonstiges: Träger des Deutschen Film- sowie des Grimme-Preises, Mitglied der Musikgruppe Rhythmus Boys.

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