Diese Geschichte macht Lust auf mehr

Überraschung in "Vergiss mein Ich"

München - Regisseur Jan Schomburg und Hauptdarstellerin Maria Schrader überraschen mit „Vergiss mein Ich“ die Zuschauer. Unsere Kinokritik:

Was könnte belastender sein als ein deutscher Film über ein Problemthema? Amoklauf, Wochenbettdepression, Sekten, Stasi-Spitzelei, Alkoholismus, Hartz IV, Ehekrise und Schuppenflechte: Beinahe alles hat die Betroffenheits-Maschinerie zwischen Hamburg und München schon durchgenudelt. Eingefleischte „Tatort“-Fans müssen ja beinahe Antidepressiva schlucken, um den Sonntagabend zu überstehen. Und jetzt kommt auch noch Jan Schomburg daher mit einem Drama über retrograde Amnesie.

Retrograde was? Mit diesem Fachbegriff beschreiben Ärzte eine bestimmte Form des Gedächtnisverlusts. So hat Schomburgs Protagonistin Lena infolge einer Gehirnhautentzündung ihre ganze biografische Erinnerung verloren. Sie kennt ihre Freunde nicht mehr, ihre Wohnung scheint ihr fremd, ja, sie weiß nicht einmal mehr ihren Namen, geschweige denn, wer dieser Kerl ist, der sich als ihr Ehemann ausgibt.

Oscars: Die besten Hauptdarstellerinnen seit 2000

Oscar Hauptdarstellerinnen
Ihren ersten Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam Hillary Swank im Jahr 2000 für ihre Rolle als Transsexueller in "Boys Don’t Cry". © dpa
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Basierend auf einer wahren Begebenheit verkörpert Julia Roberts im gleichnamigen Film die taffe Umweltaktivistin Erin Brockovich und wurde dafür im Jahr 2001 mit einem Oscar belohnt. © dpa
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Als erste afro-amerikanische Schauspielerin bekam Halle Berry 2002 als beste Hauptdarstellerin im Drama "Monster's Ball" einen Oscar. © dpa
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Im Jahr 2003 durfte sich Nicole Kidman über die begehrte Trophäe freuen. Als Virginia Woolf in der Literaturverfilmung "The Hours" überzeugte sie die Academy-Jury. © dpa
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Als Mörderin Aileen Wuornos in "Monster" erkennt man Charlize Theron kaum wieder. Ihre schaupielerische Ausnahmeleistung wurde im Jahr 2004 mit einem Oscar belohnt. © dpa
Fünf Jahre nach ihrem ersten Oscar durfte sich Hillary Swank über die zweite Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin freuen, diesmal für ihre Rolle im Boxdrama "Million Dollar Baby". © dpa
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In der Filmbiografie um Johnny Cash, "Walk the Line", spielt Reese Witherspoon die Country-Sängerin June Carter. Für diese Rolle bekommt sie im Jahr 2006 einen Oscar. © dpa
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Für ihre Rolle als Königin Elisabeth II. in "Die Queen" wurde Helen Mirren 2007 als beste Hauptdarstellerin geehrt. © dpa
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Das französische Drama "La vie en rose" brachte Hauptdarstellerin Marion Cotillard im Jahr 2008 einen Oscar ein. © dpa
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Nach zahlreichen Nominierungen bekam Kate Winslet 2009 endlich einen Oscar für ihre Rolle in der Literaturverfilmung "Der Vorleser". © dpa
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Für die Hauptrolle im Drama "The Blind Sight" heimste Sandra Bullock im Jahr 2010 einen Oscar ein. © dpa
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Im Psychothriller "Black Swan" brilliert Natalie Portman als Primaballerina, die die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verliert. Der Oscar im Jahr 2011 war der verdiente Lohn. © dpa
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Nachdem sie bereits 1980 für ihre Nebenrolle in "Kramer gegen Kramer" und 1983 als beste Hauptdarstellerin (Sophies Entscheidung) geehrt wurde, bekam Meryl Streep 2012 ihren dritten Oscar. Als Premierministerin Margaret Thatcher, die "Eiserne Lady", überzeugte sie die Jury der Academy. © dpa
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2013 durfte sich Jennifer Lawrence über die begehrte Trophäe freuen. An der Seite von Bradley Cooper spielt sie die emotional instabile Tiffany in der Tragikkomödie "Silver Linings". © dpa

Jan Schomburg hat die Geschichte in enger Zusammenarbeit mit seiner Hauptdarstellerin Maria Schrader entwickelt. Viele andere Regisseure wären der Versuchung erlegen, daraus ein dunkles, dialogarmes Tragödchen zu zimmern und sich in Melancholie zu suhlen, die in der Kunst leider oft mit Anspruch verwechselt wird. Schomburg jedoch überrascht den Zuschauer. Zwischen tristen Farben und bizarren Bildern, in denen sich Lena auf exzentrische Weise selbst inszeniert, platziert er Witze, obskure Momente, die den Betrachter aus der Lethargie reißen und in eine völlig andere Gedankenwelt transportieren. Plötzlich geht es nicht mehr um das Schicksal einer kranken Frau, sondern um Identität. Wer ist Lena? Wer war sie? Hat ihr Mann noch einen Besitzanspruch auf eine Gattin, die ihn gar nicht kennt? Hat er überhaupt einen Anspruch – etwa auf Monogamie? Formal verlässt „Vergiss mein Ich“ zwar selten die Ebene eines edel gemachten, aber kaum experimentellen Dramas. Inhaltlich jedoch scheren sich der Regisseur und seine hingebungsvoll exaltierte Hauptdarstellerin wenig um die Erwartungen des Autorenfilmpublikums. Sie brechen ungeniert mit sozialen Tabus und sind auch noch komisch dabei. Für den deutschen Film ist das geradezu revolutionär und macht Lust auf mehr.

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Real Fiction

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